The truth is out there

KATE WILHELM: INSELN IM CHAOS

(Heyne 06/5536)


, gelesen von Andreas Hirn

Ich verstehe nicht, was einige meiner SX-Kritikerkollegen immer über die Hardcover schimpfen, die Heyne seit einiger Zeit herausbringt. Bis jetzt war noch kein schlechtes unter den Büchern, die ich in dieser Ausgabe gelesen habe. So auch dieser umfangreiche Roman nicht. Und er hat - für mich gut nachzuvollziehen - den Kurd-Lasswitz-Preis als bester ausländischer Roman 1996 gewonnen.
Die Autorin Kate Wilhelm ist eher durch ihre Erzählungen als durch ihre Romane berühmt geworden, da am ehesten noch mit "Hier sangen früher Vögel". "Inseln im Chaos" (ein Titel, der etwas mit dem Umschlagbild zu tun hat, aber nicht mit dem Inhalt) ist ein sehr gut konstruierter, spannender Roman, dessen Science Fiction Element eher unauffällig in eine Krimihandlung eingebaut ist. Mit dem Mystery-Genre hat Wilhelm bereits Erfahrungen sammeln können, was ihr hier sehr zu gute kommt. Der Roman war so erfolgreich, daß in den USA bereits zwei Fortsetzungsbände erschienen sind.
"Inseln im Chaos" beginnt nahezu klassisch mit Personenvorstellungen und Schnitten.
Zuerst ist da Tom, ein sich in psychiatrischer Behandlung befindender Hilfsangestellter des Hausmeisters an einem College. Sein unterbewußtes Ich läßt ihn langsam aus seiner durch starke Beruhigungsmittel hervorgerufenen Umnachtung erwachen und wieder zu sich selbst finden. Sein wirklicher Name ist Lucas Kendricks, er nahm als Versuchsperson an Experimenten zu veränderter Wahrnehmung teil, bevor das Projekt eingestellt und er in geistigen Tiefschlaf versetzt wurde. Er flieht.
Nell Kendricks lebt in einem kleinen verschlafenen Ort in Oregon, zieht allein ihre beiden Kinder auf und ist die Ehefrau von Lucas. Sie wird von ihrem Schwiegervater gewarnt, daß Lucas, nachdem er vor sieben Jahren spurlos verschwunden ist, zurückkommen könnte. Kurz darauf sieht sie ihn auch von weitem, er ist glücklich, und es könnte alles wieder wie vor sieben Jahren werden - da wird er erschossen.
Barbara Holloway ist die eigentliche Hauptfigur des Romans. Nach dem Jurastudium ist sie aus dem System ausgebrochen und wird nun von ihrem Vater zu Hilfe gerufen. Er ist der Anwalt Nells und will sie nicht allein gegen die Mordanklage vertreten. Barbara kommt nach Oregon und fängt wieder Feuer, für die Gerechtigkeit zu kämpfen.
Die Einführung der Personen ist sehr gut gestaltet, die Charaktere sind durchgängig interessant und plastisch. Als Leser beginnt man schnell, sich für sie und die folgende Geschichte zu erwärmen. Da steht der kriminalistische Fall noch im Hintergrund, und mit dem Beginn der Gerichtsverhandlung flacht das Buch auch etwas ab. Die Wortakrobatik ist bestens bekannt aus diversen Büchern und Serien bzw. Filmen.
Langsam rückt jedoch das Geheimnis, welches in der Vergangenheit Lucas' liegt ins Blickfeld. Der frühe Chaosforscher Frobisher, der Nobelpreisträger in Mathematik Schumaker, die Psychiaterin Brandywine und der Computerspezialist Margolis arbeiteten an einem Programm, das die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen grundlegend verändern soll. Das Projekt endet in einem Desaster, zwei Versuchspersonen kommen bei einem Autounfall ums Leben, Frobisher macht allein weiter und tötet den letzten Probanden und dann sich selbst.
Barbara kommt langsam hinter die dunkle Geschichte, besorgt sich zur Hilfe einen Mathematiker, Mike Dinesen, in den sie sich verliebt und mit dem sie nach den Frobisher-Disketten sucht, die Lucas gestohlen haben soll.
Die Handlung läuft zwar in bekannten Bahnen des Anwaltskrimis ab, Kate Wilhelm gestaltet sie jedoch recht abwechslungsreich. Ihr Stil ist gut und die Figurenzeichnung überdurchschnittlich. Barbara ist neben allem Perry Masonschen Scharfsinn eine Frau, die die Beziehungen mit ihrem Vater und mit Mike in den Griff bekommen muß - ebenso wie ihre Einstellung zu Nell, denn irgendwann beginnt sie selbst nicht mehr so recht an die Unschuld ihrer Mandantin zu glauben. Die Spannung steigert sich stetig, sorgsam gesetzte Effekte stacheln das Interesse des Lesers immer weiter an.
Wer das Buch völlig unvoreingenommen lesen möchte, sollte jetzt vielleicht aufhören, meine Besprechung weiterzulesen. Denn es gibt noch einen wichtigen Umstand, der meiner Meinung nach wesentlich ist, einem aber die Vorfreude auf den (sehr guten) Showdown etwas nehmen kann.
Der Roman ist in der Science Fiction Reihe nicht unbedingt richtig plaziert. Dazu dominieren die Krimielemente doch zu stark. Den Schlüssel für die Ereignisse bildet jedoch das phantastische Element. Kate Wilhelm beschränkt sich hier auf geschickt gesetzte Andeutungen und Ausschnitte, sie erklärt nie vollständig den Inhalt des Experimentes oder seine Auswirkungen. "Es ist, als wolle man einem Tauben Musik erklären." beschreibt sie an einer Stelle die Veränderungen, die mit den geeigneten Versuchspersonen vorgehen. Sie werden zu einer Art Supermenschen mit telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten. Ganz deutlich bleibt allerdings das Gefühl zurück, daß es neben unserer Wirklichkeit noch etwas anderes geben muß. Und das ist absolut befriedigend gelöst, man will ganz am Ende gar nicht mehr wissen, am ehesten noch einmal Lucas' Eindrücke vom Beginn lesen.

Ganz am Ende noch eine ganz kurze Anmerkung, allgemein und zur deutschen Ausgabe. Spätestens seit der Lorenzschen Aussage mit dem Schmetterling und unserem Wetter und "Jurassic Park" ist in der unmathematischen Welt die Meinung aufgekommen, daß ein Mathematiker, der auf sich hält, in der Chaostheorie forscht. Das ist nicht so (obwohl ich zugeben muß, daß z. B. unter den Analytikern die Theorie der dynamischen Systeme zur Zeit ein Modethema ist)! Das deutsche Cover ziert genau wie die amerikanische Originalausgabe ein Bild von Fraktalen. Das finde ich als Titelillustration für ein belletristisches Werk unpassend - obwohl das Heyne-Cover weniger häßlich ist. Der Popularität der Chaostheorie ist wahrscheinlich auch der Titel geschuldet, zum Glück für den deutschen Leser geht Kate Wilhelm nicht auf die Mathematik ein, denn das wäre eine wahre Katastrophe geworden. Es beginnt schon damit, daß Walter Brumm Fraktale hartnäckig als Fractale verkauft. Und es ist keine Neuigkeit, daß das englische set in mathematischem Kontext mit Menge zu übersetzen ist, nicht mit Satz, aber das hat sich zu einigen Übersetzern noch nicht herumgesprochen.

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Death Qualified, © 1991 by Kate Wilhelm. Originalausgabe bei St. Martin's Press, New York. Deutsche Übersetzung von Walter Brumm 1996. Heyne-Verlag, München (Hardcover-TB). 589 Seiten. DM 19.90


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