JOSEPH WAMBAUGH: "FLUCHT IN DIE NACHT"

(Goldmann 42816)


, gelesen von Andreas Hirn



In den letzten Jahren ist Joseph Wambaugh immer mehr dazu übergegangen, Romane über Cops zu schreiben - und quasi im Vorbeigehen (weil es zum Milieu) gehört, einen Krimi zu erzählen. Dabei ist er seinen L. A. Polizisten treu geblieben, auch wenn er nun zumeist die Stadt verläßt und den beiden großen Polizistenproblemen: Alkohol und Sex. Und er schickt seine Antihelden wie in "Der Rolls Royce Tote" ("The Secrets of Harry Bright", 1985) in die Wüste.
Breda Burrows ist nach ihrer Pensionierung nach 20 Jahren Dienst im LAPD Privatdetektivin in Palm Springs geworden. Sie ist ein resoluter Charakter, hat es gelernt, sich durchzusetzen - nicht nur gegen ihre männlichen Kollegen. Die reiche Rhonda Devon beauftragt sie, herauszufinden, was ihr Gatte in einer Samenbank zu suchen hatte. Der Fall verspricht ein hübsches Sümmchen - und möglicheweise soviel Dreck wie eine Scheidungssache.
Lynn Cutter ist Detective bei der Polizei in Palm Springs und wartet sehnsüchtig auf die Bestätigung seiner Pensionierung, weil er sich vor fast einem Jahr bei einem "historischen" Treffen von George Bush mit dem japanischen Premier Kaifu auch das zweite Knie kaputtgemacht hat. Er hütet die Anwesen von reichen Palm Springs Bewohnern während deren Abwesenheit, schafft es höchstens noch, Damen, die bereits das Rentenalter erreicht haben, abzuschleppen und läßt sich den ganzen Tag in seiner Stammkneipe vollaufen. Für Breda Burrows arbeitet er nebenher schwarz, um hinter das Geheinis von Rhonda Devons Mann zu kommen.
Nelson Hareem hat einen Großvater, der aus Beirut stammt und ihm seinen Nachnamen vererbt hat. Der rothaarige übereifrige Cop wird wegen seiner Größe "Half-Nelson" genannt - oder weit treffender "Dirty Hareem". Denn mit seinem Pflichteifer und seiner Phantasie versaut er sich jede Anstellung, da irgendwann der Tag kommt, an dem er in bester Absicht den falschen kampfunfähig macht, d. h. zusammenschlägt. Sein größter Wunsch ist eine Versetzung zur Polizei von Palm Springs, bei der ihm Lynn Cutter helfen soll. Dirty Hareem fahndet in seiner Freizeit nämlich nach einem in der Nähe notgelandeten vermeintlichen Drogenkurier / Terroristen.
Der "Flüchtige" ist der Mann, nach dem Nelson und Lynn suchen. Und auch er ist Cop, ein mexikanischer. Von seinen Kollegen wegen seiner sehr guten Englischkenntnisse ausgewählt, soll er den Tod des mexikanischen Drogenfahnders Javier Rosas rächen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hält Mördern Optionen frei, nach denen sie bereits nach 15 Jahren auf Bewährung freigelassen werden können, oder läßt es zu, daß in den Staaten gesuchte Verbrecher sogar über die Landesgrenze in die USA entführt werden können. Es ist ein Land, von dem er und seine Kollegen keine Hilfe erwarten können, und so nehmen sie das Gesetz in ihre eigenen Hände.
Jack Graves ist ebenfalls pensionierter Polizist, lebt in einem kleinen Wohnwagen in der Nähe von Palm Springs und ist innerlich völlig ausgebrannt nach seinem letzten Einsatz, bei dem auf der Suche nach einem Drogendealer das falsche Haus gestürmt wurde und er einen 12jährigen Jungen erschossen hat. Immer öfter passieren ihm "Unfälle". Seiner unbestimmten Todessehnsucht sollen die Ermittlungsarbeiten für Breda Burrows Abhilfe schaffen, denn er war ein sehr guter Cop.
Das sind die Hauptcharaktere in dem gelungenen Roman Wambaughs, der wie gehabt mit großer Sachkenntnis erzählt, urkomische Situationen erschaffen kann und im rechten Moment auch eine sehr emotionale Atmosphäre. Seine Figuren sind allesamt Antihelden, die mit ihrem Leben nicht richtig zurechtkommen. Die Kriminalfälle entwickeln sich in unerwartete Richtungen, sind im Prinzip nichts für polizeiliche Ermittlungen.
Die gegensätzlichen Personen kommen sich im Laufe der Handlung näher, wobei sich die Frau als stärker erweist als die Männer, zumindest selbständiger. Und am Ende haben wir sogar so etwas wie ein "Happy end", das allerdings genauso ambivalent ist, wie die Guten und Bösen, die kaum zu unterscheiden sind. Breda und der Alkoholiker Lynn beginnen eine Beziehung, Half-Nelson bekommt den Job bei der Palm Spings Polizei - soviel zum positiven - Jack Graves stirbt, als er beim Beobachten eines Falken einen Wasserfall hinunterstürzt, der "Flüchtling" kann seine Aufgabe erledigen. Das ist für alle Beteiligten das beste, auch wenn einem dabei sauer aufstoßen könnte - und Wambaugh enthält sich einer eindeutigen Stellungnahme.

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Fugitive Nights, © 1992 by Joseph Wambaugh. Die amerikanische Originalausgabe erschien bei William Morrow and Company, New York. Taschenbuchausgabe im Wilhelm Goldmann Verlag, München März 1995, 383 Seiten, DM 12.90


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"Polizeirevier Los Angeles Ost"(Verfilmung von J. Wambaughs Roman "Nachtstreife")


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