ELISABETH VONARBURG: "DIE MAERLANDE CHRONIKEN"

(Heyne 0605888)


, gelesen von Andreas Hirn



Fünfhundert Jahre sind vergangen, seit Elisa die STADT verlassen hat. Das ist ungefähr der Zeitrahmen der Veränderung, den Elisabeth Vonarburg am Ende von "Die schweigende Stadt" vorgegeben hatte. Die Entwicklung freilich ist in andere Richtungen verlaufen, als damals angedacht. "Die Maerlande Chroniken" enthalten sparsame Hinweise auf das, was Elisas "Projekt" beginnen sollte - es dann jedoch nie tat. Diese lockere Fortsetzung steht allerdings vollkommen für sich allein - lediglich die letzten Seiten dürften etwas rätselhaft, möglicherweise unverständlich, bleiben für diejenigen, die den Vorgänger nicht gelesen haben. Tatsächlich ist "Die Maerlande Chroniken" ein wesentlich befriedigenderer Roman als "Die schweigende Stadt".
Wenn man anderen zu erklären versucht, was Science Fiction eigentlich alles sein kann und sie einem dann nach einem Kinobesuch wie in "Das fünfte Element" mitleidig auf die Schulter klopfen, sollte man vielleicht probieren, ihnen ein Buch wie "Die Maerlande Chroniken" in die Hand zu drücken. Elisabeth Vonarburg hat es hier geschafft, eine eigenständige weibliche Gesellschaft zu beschreiben, welche die nach einem Atomkrieg aufgekommenen Zeitalter der "Harems", als Männer über Frauen herrschten und der "Bienenstöcke", als die Frauen den Spieß umdrehten und nun die Männer wie Sklaven hielten, abgelöst hat. Diese Gesellschaft, die zwischen alter Tradition und Aufbruch steht, funktioniert in einem einem friedlichen Miteinander nach einem Glauben, der sich auf "das Wort Ellis", ein weibliches äquivalent der Bibel, stützt. Eine Utopie in bester Tradition - was nun nicht heißen soll, daß Elisabeth Vonarburg einen lichten Ausweg aus der gegenwärtigen Misere beschreiben will. Vielmehr ist die breite, einfühlsame Geschichte aus dem Maerlande, dem Land der Mütter, ein Gedankenexperiment, das keine schnellen und einfachen Antworten sucht, sondern eher die richtigen Fragen.
Der Leser folgt der Geschichte von Lisbeï, die ihr Leben lang eine Außenseiterin bleiben wird und schon als kleines Mädchen ob ihrer Gabe, die Gefühle und Stimmungen anderer zu lesen, Verletzungen schneller heilen zu lassen und vor allem ihres ewig unruhigen Widerspruchsgeistes von den Gleichaltrigen isoliert bleibt. Das ändert sich mit der zwei Jahre jüngeren Tula, die dieselbe Gabe besitzt und mit der Lisbeï von nun an alles teilt, ihre Neugier, ihr Wissensdurst fließt nun ein in Geschichten, die sie Tula erzählen muß, die ihr auch helfen, die Dinge, die sie erfährt, besser zu verstehen.
Vonarburg gelingt es sehr gut, die kindliche Psyche zu beschreiben. Lisbeï ist einem ausgesprochen sympathisch, sie ist für ihr Alter sehr reif, und ihr Drang, alles mit ihrer Logik zu erklären, was zu manchmal seltsamen - aber nachvollziehbaren - Ergebnissen führt, verrät einem schon viel über ihren Charakter, ihre Fähigkeit, Unbekanntes anzunehmen und zu hinterfragen, die Veränderung und die Wahrheit zu suchen. Eingestreut in Lisbeïs Geschichte sind immer wieder Briefe von anderen Personen und Tagebuchaufzeichnungen einer älteren Lisbeï. So entsteht schon bald ein äußerst komplexes Bild einer von Frauen geführten Gesellschaft, die auf den ersten Blick den Umständen entsprechend ideal zu sein scheint.
Jungen sind sehr selten geworden nach dem großen Zusammenbruch. Um die Gemeinschaft am Leben zu erhalten, werden die vielversprechendsten Erblinien miteinander gekreuzt. Die Gesellschaft ist ganz den Gesetzen der Genetik unterworfen, Sex ist funktionalisiert und findet nur zwischen der Mutter, dem Oberhaupt einer Familienresidenz, und einem ausgewählten Mann statt. Jede gebärfähige Frau muß alles zwei Jahre nach künstlicher Besamung ein Kind austragen, damit die Quote des männlichen Nachwuchses gewahrt bleibt. Die Gemeinschaft ist streng in drei Kasten eingeteilt: die Grünen, das sind die Kinder, die Roten, die fruchtbaren Frauen und Männer und die Blauen, das sind die alten beziehungsweise unfruchtbaren Frauen und Männer.
Über den Nachwuchs wird argwöhnisch gewacht. Mutationen werden "ausgelesen" und entweder getötet oder sterilisiert in eigene Höfe gebracht. Auf separaten Höfen leben auch die Männer, wenn sie nicht gerade erwählt sind. Sie haben zwar offiziell gleiche Rechte - außer der Ausübung jedweder Tätigkeiten, die etwas mit Waffen oder Verteidigung zu tun haben, versteht sich -, doch die Tradition ist mächtig. De facto haben sie politisch keinen Einfluß. Über all das hat sich Lisbeï keine Gedanken gemacht. Es hat sie nicht betroffen, die Themen werden nicht gerade häufig angesprochen, und überhaupt dienen doch alle "dem Wort Ellis".
Erst nach und nach interessiert sich Lisbeï für die Probleme ihrer Gemeinschaft. Sie soll die neue Capta, die Mutter, ihrer Heimatstadt Bethely werden, was jedoch nie geschieht, denn nach dem Ausbleiben ihrer Periode wird sie von einer Grünen sofort zur Blauen. Ein Schlag, den sie sich schwer eingestehen will, ein erster Bruch in ihrer geraden Lebenslinie, eine Laune im Muster Ellis, die sie allerdings zur Forschung führt.
Mehr durch Zufall entdeckt sie unter Bethely ein altes System von geheimen Gängen, wo Lisbeï die Gräber von Garde, der Tochter Ellis (der Gegenpart zu Jesus Christus), und ihrer sechs Gefährtinnen findet. Außerdem ein Notizbuch, das neben bis jetzt unverständlichen Eintragungen auch eine von der offiziellen Geschichte abweichende Darstellung vom Wirken Gardes und ihrer Auferstehung beinhaltet. Lisbeï ist natürlich von der Echtheit sowohl des Buches als auch der darin enthaltenen Erzählung überzeugt und hat noch nicht den nötigen Weitblick, um zu erkennen, daß die Wahrheit manchmal warten sollte.
Erstaunlicherweise kann Maerlande die Entdeckung verkraften und mit ihr vernünftig umgehen. Das ist jedoch erst der Beginn einer unruhigen Zeit, in der Maerlande sich verändern muß. Alles eingebunden in die persönliche Geschichte Lisbeïs, die auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden neue Freundinnen findet, mit neuem Selbstvertrauen den Anforderungen an sie gerecht, allerdings auch in sich widersprüchlicher wird. Viele ihrer Gedanken bleiben als Tagebuchnotizen eingestreut.
Weit mehr als die äußere Handlung interessiert jedoch der Hintergrund, dem Elisabeth Vonarburg viel Platz einräumt. Bei all dem bleibt ihr Stil jederzeit leichtfüßig, manchmal fast lyrisch, und flüssig. Mit beträchtlicher Sorgfalt hat sie eine fremde und doch irgendwo vertraute Gesellschaft gestaltet, mit all ihren Traditionen, Denkmustern, ihrer Religion, ihrer Geschichte, ihrer Art des wirklichen Zusammenlebens.
Geschichte wiederholt sich immer, so sagt man. In gewissem Sinne verfolgt Vonarburg eine neue menschliche Entwicklung mit einer neuen Religion, die dem Christentum in vielen Punkten sehr ähnelt, in anderen wiederum stark davon abweicht und durchaus zu verblüffenden Fragen führt: Warum eigentlich war Jesus ein Mann? Weil das in die Tradition paßte, weil nur so dem Wort Gottes die richtige Aufmerksamkeit zuteil werden konnte?
Probleme beginnen im persönlichen Bereich, den Dopplungen vom Verhalten einer Mutter zu ihrer Tochter, die ihr nicht zuviel Liebe (als ein Zeichen der Schwäche) zeigen wollte. Dem Einssein mit einem anderen Menschen, Geschwisterliebe, die nach der Kindheit zerbricht und wo erst langsam ein neues Vertrauen entstehen kann. Was haben zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt für einen Wert in einer Umgebung, in der man seine Kinder sofort nach der Geburt in Gemeinschaftshorten aufwachsen läßt, aus Angst, die Bindung und der Schmerz nach dem Tod des Kindes (die Sterblichkeit ist hoch bei den unter Siebenjährigen) könnte eine zu starke Belastung sein. Trotzdem gibt es die Pflicht zu gebären. Ist es überhaupt eine Pflicht oder tief in der Tradition und dem Verständnis "des Wortes Ellis" verwurzelt, eine Ehre? Die Macht, wenn man von einer sprechen kann, denn bestimmte Kreise bemühen sich um Unabhängigkeit in fast allen Belangen, liegt nur in der Hand von gebärfähigen Frauen. Ist es überhaupt Macht in der Bedeutung, in der wir gern von diesem Wort denken? Ist es nicht auch eine gewisse Weisheit und Erfahrenheit, die die Mutter geben kann?
Probleme liegen ebenfalls in ethischen Fragen, wie kurz angedeutet - und nicht zuletzt im Glauben. Was für eine Kraft kann man aus dem Glauben schöpfen, welche (wenn überhaupt) Antworten kann man in ihm finden, welchen Zweifeln kann er ausgesetzt sein, wie kann er sich mit der persönlichen Entwicklung verändern?
Das sind nur kurze Denkanstöße, Fragen, die man sich nebenbei stellen kann, die andiskutiert werden, ohne daß Elisabeth Vonarburg allgemeingültige Antworten geben kann und will. Der Roman ist sehr lang geworden, was beim Lesen allerdings kaum auffällt, das Ganze ist einfach zu interessant, als daß man Zeit hätte, sich zu langweilen. "Die Maerlande Chroniken" sind, wie es Ursula K. LeGuin gesagt hat, "ein aufreizendes, forderndes und befriedigendes Gedankenexperiment - wie man es nur in der Science Fiction durchzuführen vermag". Eine vielschichtige, überzeugend gestaltete konfliktreiche Utopie einer von Frauen geführten Gesellschaft.

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Chroniques du pays des meres (frz.) aka Maerlande Chronicles (kan.-engl.) aka In the Mothers' Land (amer.), © 1992 by Elisabeth Vonarburg. Übersetzung von Usch Kiausch, Heyne Verlag, München Juli 1997, 765 Seiten, DM 19.90


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