ELISABETH VONARBURG: "DIE SCHWEIGENDE STADT"

(Heyne 0605644)


, gelesen von Andreas Hirn



Wo soll ich anfangen zu erklären, was den Reiz dieses Buches ausmacht? Vor dem Kauf war das sicherlich die Tatsache, daß Elisabeth Vonarburg Franko-Kanadierin ist, aus diesem Winkel der Welt bekommt man ja sehr selten Science Fiction zu lesen, das filigrane, sehr schön anzuschauende Cover (das allerdings nicht das geringste mit dem Roman zu tun hat), der Copyrighthinweis (das Buch wurde bereits vor 16 Jahren originalveröffentlicht - und das in Frankreich), und, wie ich schon an anderer Stelle erwähnte, der erste Satz.
Nach dem Lesen kann ich mit Sicherheit sagen, das Besondere liegt nicht im Hintergrund: Circa 300 Jahre sind vergangen, seit die Erde durch einen Atomkrieg verwüstet wurde. Eine Elite hat sich in unterirdischen STÄDTEN ihren hochtechnisierten Standard erhalten können, während an der Oberfläche die Zivilisation auf ein mittelalterliches Niveau zurückgegangen ist. Hier werden wesentlich mehr Mädchen als Jungen geboren, die als "unnütz" eingestuft schon als Säugling getötet werden. Elisa ist die letzte wirkliche Bewohnerin der STÄDTE, und sie besitzt die Fähigkeiten, die Außenwelt völlig neu zu ordnen.
Diese Post-Holocaust-Version ist wohl auch eher dazu gedacht, dem durchschnittlichen SF-Leser ein vertrautes Setting zu bieten, so daß dieser eher bereit ist, sich auf die Geschichte einzulassen. Die Anziehungskraft liegt auch nicht in der äußeren Handlung, die baut Elisabeth Vonarburg sehr bedächtig auf, aber vielleicht beginnt hier schon eine erste Annäherung an die Faszination der "schweigenden Stadt".
Der Roman besticht durch seine Sorgfalt. Die Handlung ist auf mehreren Zeitebenen komplex strukturiert. Es ist vor allem das feinnervige, stilistisch anspruchsvolle Porträt der Protagonistin Elisa, die sich im Zuge ihres Erwachsenwerdens von ihrer Heimat, der hochtechnisierten STADT und ihrem "Vater" und Geliebten Paul löst, die die Fähigkeit, beliebiges Geschlecht anzunehmen, besitzt, und damit nicht nur sexuell zwischen allen Stühlen sitzt. Darüber hinaus steckt in Elisas Rolle als Frau/ Mann und letzter Mensch/ Stammutter einer neuen Menschheit ungeheuer viel Potential, das Elisabeth Vonarburg nutzt. Sie verwendet viel Zeit auf die genaue Ausarbeitung der gesellschaftlichen Situation in der Außenwelt. Die Charaktere sind allesamt plastisch geraten, und sie alle stellen sich ihren Problemen und tragen ihre Konflikte aus.
Die Atmosphäre ist trotz eines kleinen Bruchs nach Elisas Fortgang aus der STADT dicht, erinnerte mich zu Beginn in der leicht resignativen Melancholie an Arne Sjöbergs Buch "Andromeda". Der Roman ist auch heute gelesen in einem angenehmen Sinne anachronistisch, nicht so hektisch, ein anderes - schöneres - Vokabular, trotz etlicher negativer Auswüchse starke utopische Elemente. Dabei diskutiert Elisabeth Vonarburg auch feministische Themen und ist glücklicherweise über die provokante Kompromißlosigkeit vieler ihrer Vorgängerinnen aus den 70ern hinaus.
Die umfangreiche Fortsetzung von Elisabeth Vonarburgs Debütroman, die zeitlich weit nach den Ereignissen der "schweigenden Stadt" spielt, ist unter dem Titel "Die Maerlande Chroniken" bei Heyne erschienen.

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Le silence de la citè, © 1981 by Editions Denoël, Paris. Übersetzung von Usch Kiausch 1997. 333 Seiten. DM 14.90


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"Die Maerlande Chroniken"


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