NORMAN SPINRAD: BILDER UM 11

(Heyne 0605664)


, gelesen von Andreas Hirn



Norman Spinrad gilt wohl immer noch als Enfant terrible des Genres, obwohl es - gezwungenermaßen - in den letzten Jahren etwas ruhig um den in Paris lebenden Amerikaner geworden ist. Sein Roman "Champion Jack Barron" kostete New Worlds, wo er zuerst in Fortsetzungen erschien, fast die wenigen Subventionsgelder, die das Heft bekam. "Der stählerne Traum", in dem Adolf Hitler als SF-Autor in den Vereinigten Staaten zu Ruhm kommt, stand in der BRD lange Jahre auf dem Index für jugendgefährdende Schriften. Auch in den Jahren danach festigte Spinrad seinen Ruf als kompromißloser, sarkastischer, kritischer Schriftsteller - obwohl in seinen Romanen vielleicht nicht mehr die Wut zu spüren war, und sie in den letzten, sagen wir einmal zehn, Jahren doch seitenzahlmäßig aus der Form gingen (Man denke da vielleicht nur an das, leider von der politischen Wirklichkeit eingeholte, fast 1000-seitige "Russischer Frühling".). Spinrads Stil ist jedoch derselbe geblieben, und so ist auch in "Bilder um 11", das interessanterweise den Steinmüllers gewidmet ist, nicht nur die Handlung ziemlich heftig.
KLAX-TV ist so ungefähr der mieseste der unabhängigen Fernsehsender von Los Angeles. Warum sich also das Grüne Armee Kommando gerade ihn ausgesucht hat für seine erste direkte Aktion, d. h. die Geiselnahme des Managers Edward Franker, des Nachrichtensprechers Toby Inman, des abgewrackten Sportreporters Carl Mendoza und der blonden Wetterfee Heather Blake und die Übernahme des Programms, weiß ich auch nicht so genau. Die Aktion der grünen Terroristen hat zunächst Erfolg. Sie können die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gewinnen und die Annahme des Meerwasser-Referendums verhindern. Damit sollte nämlich eine Reihe von Atomreaktoren entlang der Erdbebenzone an der amerikanischen Westküste errichtet werden, um eine Entsalzungsanlage zu bauen, die das ausgetrocknete Kalifornien wieder mit Wasser versorgt.
Dieser Teil ist auch schon das einzige "echte" SF-Element im Roman. Im weiteren Verlauf der Geiselnahme schaffen es Geiseln und Grüne Armee Kommando sogar, halbwegs zusammenzuarbeiten, die Macht der Medien für ihre Zwecke zu nutzen, damit der Sender weiterhin sein Programm ausstrahlen darf, das Gebäude nicht gestürmt wird, die ökologischen Forderungen des GAK verbreitet werden...
Was alles noch recht harmlos beginnt, wird schnell zur Chefsache in Washington. Und hier spart Spinrad nicht mit Zynismus. Der alte Fuchs Franker arbeitet mit Horst Klingermann, einem ehemaligen Geschichtsprofessor aus Leipzig und nun Vorsitzender des Grüne Armee Kommandos, und Kelly Jordan, der Informationsministerin desselben, zusammen, um ihnen die besten Konditionen für eine bundesweite Verbreitung ihres Programmes zu garantieren, damit man nicht einfach KLAX ausräuchern und alles auf die Terroristen schieben kann (Über die Praktiken des (Polizei-)Staates in solchen Situationen sollte man vielleicht einmal Jean-Patrick Manchettes Polit-Thriller "Nada" lesen.). Die Macht des Rechteproviders an den KLAX-Bildern, StarNet, reicht aus, dem Grünen Armee Kommando Handlungsfreiheit zu sichern. Durch eine große Tränendrüsendrückshow, in der dem Publikum vor der Fernsehschirm Mitleid eingeflößt werden soll, wird mit teils erlogenen Geschichten an einer Legende der großmütigen und tapferen Geiseln gearbeitet, die ihrerseits alles für das Image ihrer Geiselnehmer tun. Denn vor der Tür steht - inkognito versteht sich, der Auftritt auf US-amerikanischem Boden ist ja verboten - die Central Intelligence Agency, die sehr daran interessiert ist, schnell aus der Misere herauszukommen. Und was das heißt, kann man sich ja vorstellen (und der Computer bestätigt mit einer Simulation diese Meinung natürlich). In dem Pokerspiel bekommen die Terroristen sogar einen Hollywoodagenten, der Kelly eine eigene Grüne Armee Show im Fernsehen anbietet, an einem Film über die Ereignisse arbeitet, der logischerweise noch einen vernünftigen Höhepunkt braucht, und der scheinbar sogar über Teile des Weißen Hauses Macht besitzt. Klingermanns Forderung nach dem Präsidenten kann er zwar nicht erfüllen, aber immerhin darf es der Vizepräsident sein (ein über siebzigjähriger Senator aus Texas, der allerdings nicht so aussieht wie der reale vor nicht allzulanger Zeit erfolglos angetretene Präsidentschaftskandidat der Republikaner), der dann mit einer langen Bourbonfahne im Studio auftaucht und vor der Kamera, wo eine Live-TED-Einblendung des Volkes Meinung zu den Ereignissen zeigt, fast zusammenbricht.
Daß der Vizepräsident kaum ein gutes Faustpfand als Geisel ist, sollten wenigstens diejenigen wissen, die Robert Aldrichs "Das Ultimatum" gesehen haben (der Film wurde bezeichnenderweise fast ausschließlich in der BRD gedreht, um Schwierigkeiten mit den amerikanischen Behörden aus dem Weg zu gehen), wo am Ende gnadenlos mit allen Geiselnehmern auch der US-Präsident erschossen wird. Die grünen Terroristen, die nicht die Jungs (bzw. Mädchen) mit den schwarzen Hüten sein wollen, werden mit der Zeit immer mehr von ihren Medienpräsenz eingeengt, die im äußerst zynischen Finale des Romans gipfelt.
Man könnte an "Bilder um 11" einiges herummäkeln. So ist z. B. die personale Erzählweise, in denen Spinrad den vier Geiseln folgt, eine gemogelte (oder bösartig: nicht gelungene), weil diese sich keine Gedanken um etwas außerhalb des Kreises von LAPD- bzw. CIA-Truppen machen, ihr Leben außerhalb ihrer Medienrolle also mehr oder weniger außen vor gelassen wird. Deswegen sind die Charaktere auch nicht so plastisch, wie das auch bei Spinrad einmal der Fall war. Genauso sind einige politische Monologe einfach zu lang, weil gerade im ersten Drittel diese doch mehr oder weniger aus Allgemeinplätzen bestehen.
Das Spinrad überhaupt darüber redet, ist allerdings sehr begrüßens-, und wie er die Handlung später von einem grotesken Höhepunkt zum nächsten treibt, schon bemerkenswert. Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn einem ahnungslosen Leser, der sich mit dem ebenfalls ahnungslosen Toby Inman identifizieren kann, erst einmal die Grundlagen des Spiels beigebracht werden. Ebenfalls außergewöhnlich die durchaus mit Sympathie gestaltete Darstellung der "Ökoterroristen".
Alles in allem allein wegen des Inhalts eine lesenswerte Satire, die eigentlich keine SF ist (meiner Meinung nach auch keine große Literatur, aber das muß ja nicht sein), aber laut vernehmlich ihre Meinung herausschreit. Davon sollte es mehr geben!
Spinrads Stil ist klar, witzig, locker bis derb, sicher nicht jedermanns Geschmack, auch bereit Versatzstücke (analog zu Themen in Melodien) zum Wiedererkenneffekt zu benutzen und trotz der großen Versuchung in den wenigsten Passagen dozierend. Kleine ätzende Kostprobe des CIA-Unterhändlers: Tja, die Seelenklempner in Langly haben Ihre Akten mit einem speziellen Programm genau unter die sprichwörtliche Lupe genommen, die Ergebnisse per Modem dem Zahlenknacker-Pack im Clean Room des Weißen Hauses übermittelt, die sie mit den Mustern der Teeblätter in ihren Tassen korreliert und zu den Schönfärbern raufgegeben haben, die sie wiederum durch ein I-Ching-Simulatorprogramm geschickt haben und zu dem gleichen Entschluß gekommen sind, zu dem jeder, dessen Kopf nicht fest im Rektum implantiert ist, in ungefähr dreißig Sekunden hätte kommen können.(S. 465)
"Bilder um 11" ist übrigens bislang Spinrads letzter veröffentlichter Roman. Nach ca. einem Jahrzehnt bei Bantam unter Verleger Lou Aronica, beendete die rigorose Sparpolitik unter Irwyn Applebaum Spinrads Zusammenarbeit mit dem Verlag. Dieser wollte nämlich den Roman - entgegen einer mündlichen Absprache zwischen Aronica und Spinrad - nicht als Mainstream-Hardcover herausbringen, sondern mit möglichst wenig Aufwand als Spectra-Tradepaperback, also in der Science Fiction Reihe, wo Spinrads Renommee schon für einen vernünftigen Absatz sorgen würde. Spinrad kämpfte mit allen Mitteln dagegen und konnte wenigstens den Teilerfolg verbuchen, daß "Bilder um 11" nicht als Spectra herauskam. Es bedeutete jedoch trotzdem das vorläufige Karriereende, Bantam brachte den Roman als Mainstream-Tradepaperback heraus, allerdings mit einem fürchterlichen Cover, machte keine Werbung für das Buch und druckte auch nur eine minimale Auflage, so daß es praktisch sofort aus den Läden verschwand.

P. S. : Ob Spinrad nun so hocherfreut ist, daß Heyne die deutsche Übersetzung (übrigens mit einem ansprechenden doMANSKI-Cover) nun in seiner SF-Reihe herausgebracht, weiß ich nicht. Jedenfalls kann man es sich auch hierzulande nicht leisten, einen Namen wie Spinrad außerhalb einer solchen Reihe zu plazieren. Wichtiger ist aber der Fakt, daß Heyne Spinrad überhaupt übersetzt - und so kann man sich schon auf das angekündigte 1993er Werk "Deus X" freuen.

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Pictures at 11, © 1994 by Norman Spinrad. Übersetzung von Peter Robert 1997. Heyne Hardcover-TB. 669 Seiten, DM19.90


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