DAN SIMMONS "KRAFT DES BÖSEN"
(Heyne 01/10074)
, gelesen von Andreas Hirn
"Carrion Comfort" ist das bislang mit Abstand längste Werk von Dan Simmons, der sehr zu kämpfen hatte, daß der Roman in einem Band herauskam. Simmons wollte zweifellos ein großes Buch schreiben. Das möchte ich wohlwollend als mutig bezeichnen, wenn ich das außer acht lasse - dann ist ihm das Unterfangen nicht gelungen.
Leuten, die gern richtige Wälzer lesen, denen empfehle ich das Werk uneingeschränkt. Zumindestens spannend ist es über weite Strecken. Für mich sind voluminöse Bücher von, sagen wir einmal, 600 Seiten an aufwärts Arbeit. Man braucht Zeit dafür und Ruhe, und das ist fast nur im Urlaub möglich, wo man eigentlich sinnvollere Sachen machen sollte, als sich durch überproportionierte Trivialkultur zu arbeiten. Denn so leid es mir tut, hier gleich potentielle Leser zu vergraulen, die Anstrengung lohnt sich meines Erachtens nach nicht. Man kann ruhigen Gewissens die Erzählung "Carrion Comfort" lesen, inhaltlich war's das schon. Um mit Simmons zu sprechen: "Scotch ohne Wasser oder Eis". Nur muß man dazu nicht knapp 1200 (in Worten eintausendzweihundert) Seiten durchackern sondern nur 50.
Es gibt sehr seltene Mutationen (oder so ähnlich), die den Menschen die "Gabe" schenken, die Gedanken anderer Personen zu kontrollieren und ihre Körper zu lenken. Auch wenn das biologisch schwer vorstellbar ist, wie solche Mutationen kontinuierlich in jeder Generation auftreten oder warum die Mutationen alle die gleichen Fähigkeiten der "Gabe" auslösen, mag das ja als Ausgangspunkt angehen. Diese "Seelenvampire" werden natürlich schnell von ihrer Macht korrumpiert und spielen um die Leben anderer.
Nebenbei - mit gedankenloser Oberflächlichkeit - beherrschen sie natürlich auch die meisten wichtigen Leute bis zum Präsidenten, haben dafür gesorgt, daß John Lennon erschossen wird und so weiter. Napoleon, Hitler und der Ayatollah werden selbverständlich ebenfalls mit den "Aasfressern" (Carrion , engl. für Aas) in Verbindung gebracht. Ihnen fehlt tatsächlich jeder moralische Rückhalt, es existiert keine Gerechtigkeit mehr für sie, sie brauchen sich nur nach eigenem Gutdünken zu betragen und ihren Eigensinn befriedigen. Dabei sind sie skrupellos und töten, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist hart und erschreckend. (Das hat der geneigte Leser allerdings schon nach verhältnismäßig wenigen Seiten erfahren und verstanden, das schockt dann im Finale auch nicht mehr.)
Der Psychiater Saul Laski hat im dritten Reich als Jude nur mit Mühe das Konzentrationslager überlebt. Hier wurde er das erste Mal von einer dieser Kreaturen "benützt" und mußte an einem pervertierten Schachspiel zwischen zwei der "Seelenvampire" teilnehmen, bei dem Menschen die Figuren darstellten. Aus noch unerfindlichen Gründen läßt sein Meister, ein Standartenführer, ihn laufen.
Der Haß prägt Laskis weiteres Leben, so daß er mit der jungen, hübschen Schwarzen Natalie, deren Vater als Unschuldiger bei dem ersten Gemetzel des eigentlichen Buches ums Leben kam, gegen die Mutanten kämpfen will. Koste es, was es wolle.
Unter den Seelenvampiren gibt es allerdings auch Streit. Zum ersten der Kampf zwischen Melanie, Nina und Willi, drei reizenden älteren Herrschaften und zum zweiten der Streit zwischen letztgenanntem und dem "Island Club", einer Art Geheimloge der "Begabten", des Multimilliardärs C. Arthur Barent.
Das wird ein richtiger Krieg mit vielen, vielen Opfern. Aber spätestens bei dem großen Blutvergießen in Philadelphia ist "Kraft des Bösen" bloß "viel Lärm um nichts". Da hätte ich das Buch ohne Bedauern weglegen können, ohne weiterzulesen. Der Roman erholt sich zwar noch einmal aus dem Spannungstief, zumal mit Melanies Krankheit und der Zunahme ihrer "Gabe" die Handlung endlich wieder interessanter wird. Aber inhaltlich hat Simmons nicht mehr viel zuzusetzen. Die angestrebte Studie über individuelle, gesellschaftliche und institutionelle Gewalt bleibt oberflächlich.
Es geht dann schon auf ein entsprechend monumentales Finale, das aus (sozusagen) drei Showdowns besteht, dessen zweiter eine Wiederaufnahme eines brillianten Teils aus dem ersten Part des Buches ist. Da schilderte Saul Laski nämlich seine Geschichte mit dem KZ-Aufenthalt und den Spielen der Nazis auf dem Schloß, von dem er wie durch ein Wunder entkommen konnte. Joachim Körber macht das Schachspiel, das nun folgt, etwas kompliziert, da er nicht die hierzulande übliche Bezeichnung der Felder wählt, sondern die amerikanische beläßt. Aber davon abgesehen ist sowohl im Text als auch im zweiten Bild ein sachlicher Fehler enthalten. Tja, wenn man so gefesselt ist von einem großartigen Buch, dann spielt man auch das Schachspiel mit. Ich will nicht gemein sein und das Ende verraten, aber das ist nicht sonderlich überraschend, nur an einer Stelle noch undurchsichtig. Aber das war - da bin ich mir sicher - Absicht. Dennoch bleibt festzuhalten, daß Simmons das nötige Fingerspitzengefühl bewies, "Kraft des Bösen" halbwegs glaubwürdig zu Ende zu führen, nicht in zu dick aufgetragenen Filmknallereien viel Wirkung der vorher sorgsam aufgebauten Atmosphäre zerstört hat (wie in "Sommer der Nacht" und "Kinder der Nacht") und die Charaktere in der gebotenen Länge sich auch entwickeln läßt. Vieles läuft zwar ab, wie in den oft zitierten (nicht unbedingt sehenswerten) Filmen, Simmons hat jedoch das richtige Maß gefunden.
Das Tempo des Romans ist eher andante, Simmons hat die Handlung breit mit ungefähr fünf wichtigen Strängen angelegt und treibt sie auch gekonnt fort. Der Beginn ist äußerst vielversprechend. Aber dann entwickelt sich das Buch leider immer mehr zu einem Unterhaltungshorrorschinken, der dem Thema nicht gerecht wird. Da wäre ich sicherlich begeisterter gewesen, wenn Simmons eine niedliche Trilogie geschrieben hätte. Denn selten habe ich ein Buch gelesen, dessen Handlungskonstruktion solch eklatante Schwächen aufwies und dennoch so ungeheuer wirkungsvoll war, wie Simmons' Debüt "Göttin des Todes". Ich war von diesem Roman begeistert. Von "Kraft des Bösen" nicht. Ich verstehe nicht, warum man sich über diese elend lange Distanz quälen soll, damit man am Ende ein bißchen Feuerwerk bekommt, daß man auch gerne nach einem Drittel schon hätte haben können. Wie sich die "Gabe" denn nun tatsächlich auf die "Seelenvampire" auswirkt, beschreibt Simmons kaum. Da sind am Anfang noch sehr interessant die Ansichten der konservativen, Kinder und Schwarze hassenden Melanie, die selbst erzählt, aber nach und nach wird die alte Dame auch verrückt und versucht gegen ihre alte Rivalin Nina zu kämpfen. Weitaus besser hat Simmons selbst ein solches Dilemma gelöst mit "Das leere Gesicht", die Qualen des Protagonisten mit dem Fluch der Telepathie sind dort weit überzeugender geschildert - und auf wesentlich weniger Platz. Simmons wollte wohl einen möglichst "umfassenden" Roman schreiben, was auch die Breite erklärt, da wäre mehr Tiefgang aber dringend erforderlich gewesen!
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Carrion Comfort, © 1989 by Dan Simmons. Übersetzung von Joachim Körber 1991. Heyne, München 1997. 1180 Seiten, DM 16.90
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