DAN SIMMONS "GÖTTIN DES TODES"
(Heyne 01/9038)
, gelesen von Andreas Hirn
Vor allem mit seinen beiden Hyperion-Büchern hat Dan Simmons sich ins Herz der Science Fiction Fans geschrieben. Seit er 1982 seine ersten Erzählungen veröffentlichen konnte, folgten in recht schneller Folge einige - meist sehr umfangreiche - Romane, die ihm den Ruf eines Chamäleon einbrachten. Vom konventionellen Horror-Roman ("Sommer der Nacht", "Die Feuer von Eden"), über Mainstream ("In der Schwebe") und gleichermaßen harter wie weicher SF ("Das leere Gesicht") kann er alles schreiben - gleichwohl der Eindruck bleibt, daß er in den letzten Jahren etwas stagniert.
Schon seine frühen Stories zeigen Simmons als immenses Talent, der schnell eine bedrohliche dunkle Atmosphäre schaffen kann, in der seine Menschen eher reagieren als agieren. Stilistisch etwas holprig kommt Simmons auch in seinem ersten Roman schnell in Bereiche des Grauens, die er das ganze Buch über nicht mehr verläßt. Wenn man sich einmal auf die Geschichte eingelassen hat, ist es, als drücke einen Simmons mit dem ganzen Körper unter Wasser und lasse einen nicht mehr atmen, bis die Handlung vorbei ist.
Einzuordnen ist "Göttin des Todes" klar als Horror ohne viele phantastische Elemente, was ihn wahrscheinlich dafür prädestinierte, den World Fantasy Award zu gewinnen, der zwar meist an sehr gute Werke vergeben wird, die allerdings genauso oft nichts mit Fantasy zu tun haben.
Der polnischstämmige amerikanische Intellektuelle Robert Luczak wird von dem Magazin "Harper's", für das er arbeitet, nach Indien geschickt, weil neue Zeilen des großen indischen Lyrikers M. Das, der vor acht Jahren spurlos verschwand, aufgetaucht sein sollen. Luczak gilt als Kenner der asiatischen Dichtkunst und fliegt bald darauf mit seiner indischen Frau Amrita und seiner kleinen Tochter Victoria nach Kalkutta.
"Manche Orte sind so böse, daß man ihre Existenz nicht dulden sollte." Kalkutta ist so einer. Schon sofort nach seiner Ankunft auf dem Flughafen erlebt Luczak erste schreckliche Momente. Das steigert sich immer mehr in einen wahren Alptraum aus Hunger, Armut, Dreck, Gewalt, Menschenmassen. Kalkutta ersteht in höchstem Maße authentisch als Ort des Bösen, was einen surreal-fremden Hintergrund für die folgenden Ereignisse abgibt.
Vom Schriftstellerverband wird Luczak das Manuskript von M. Das angeboten. Sein Führer Krishna führt ihn zu einem alten Schüler von ihm, der Luczak eine Gruselgeschichte von geheimen Anbetern der Todesgöttin Kali und seiner Weihe zum Kapalika erzählt, bei der eine halb verweste Wasserleiche wieder zum Leben erweckt wurde, eben jener M. Das.
Das will der aufgeklärte Luczak nicht glauben, doch vereinnahmt ihn das Bild des Elends und die unheilvolle Atmosphäre Kalkuttas immer mehr. Er muß Das persönlich treffen. Dies wird auch arrangiert, und er trifft den leprakranken Dichter, der ihn bittet seine Hymne auf Kali im Westen zu veröffentlichen, denn das Zeitalter der "Göttin des Todes" werde anbrechen.
Diese Szene gehört zu den stärksten des faszinierenden Romans. Was danach kommt, wird leider fast zu einer Räuberpistole, die Glaubwürdigkeit bleibt aber wenigstens leidlich erhalten. Eine Gratwanderung, die Simmons später nicht mehr so sicher bewältigen konnte. M. Das bringt sich um, Luczak wird von Kapalikas gejagt, seine Tochter entführt und getötet. Er kehrt nach Amerika zurück, will später erneut nach Kalkutta, die überwältigende Atmosphäre des Bösen jedoch bewegt ihn zur sofortigen Rückkehr. Kalis Ruf ist ertönt - und wird nicht so schnell verstummen.
Es ist sehr oberflächlich, mit Kalis Wiedererwachen alle möglichen Schrecknisse der neueren Menschheitsgeschichte in Verbindung zu bringen, zu sehr ist das ein Griff in die Gruselkiste, ein Rezept aus der Retorte, das auch nicht weiter verfolgt wird. (Besser hat da Elizabeth Hand die Ankunft der bösen Göttin gestaltet in "Die Mondgöttin erwacht"!) Genauso bleiben leider zu viele unglaubliche, in Comicstripmanier aus dem Hut gezauberte Enden lose. In dieser Hinsicht ist die Konstruktion nicht ausgereift und gibt Anlaß zur Kritik.
Dennoch ist Simmons' Roman ungeheuer wirkungsvoll. Durch die akribische Schilderung des Elends und der ganzen Fremdheit der indischen Moderne gerät der Leser in den Bann der Ereignisse. In gleichem Maße wie die Geschichte ins Rollen kommt, wird auch der Stil flüssiger, eleganter. Simmons erfindet den Horror-Roman nicht neu, nutzt seine Versatzstücke jedoch geschickt aus und fesselt den Leser. Die Handlung bietet einige Wendungen, Action und jede Menge düsteren Grusel. Die Stimmung des Untergangs und der Hilflosigkeit vermengt sich mit der Flucht in Mystik. Die Figuren sind zwar recht oberflächlich gestaltet, doch der gewohnt kraftvolle Stil des hervorragenden Geschichtenerzählers Simmons behebt diesen Mangel. Ein atemberaubender, ungeheuer dichter Trip auf die dunkle Seite!
-------
Song of Kali, © 1985 by Dan Simmons. Übersetzung von Joachim Körber (1991). Heyne-Verlag, München ("Thriller vom Feinsten") 1994. 317 Seiten, DM 8.00
Mehr Simmons bei ONE PLUS ONE
Die Feuer von Eden
Kinder der Nacht
Kraft des Bösen
Lovedeath
Sommer der Nacht
Zurück zur Übersicht
Zurück zur Homepage