DAN SIMMONS "KINDER DER NACHT"

(Heyne-TB 01/9935)


,gelesen von Andreas Hirn



"Kinder der Nacht" ist der Beitrag von Dan Simmons zum Dracula-Mythos - meiner Meinung nach ein nicht unbedingt überflüssiger, aber über weite Strecken kläglich konventioneller. Um so größenwahnsinniger erscheint es, daß Simmons sich durch den Mund von Vlad Dracula reichlich arrogant zu Stokers "albernem" Roman äußern muß, diesen als "erbärmliches, schlecht geschriebenes Melodram", "Schund und Unsinn" bezeichnet (S.375).
Simmons reiht sich somit würdig in die Tradition ein. Gut, vielleicht mit einer Ausnahme: "Kinder der Nacht" ist nicht "schlecht geschrieben".
Zum positiven zuerst. Ernsthafte Warnung! Wer sich die ungetrübte Freude an Simmons erhalten oder das Buch noch lesen möchte, sollte nach dem folgenden Abschnitt zu lesen aufhören.
Die ersten 35 Seiten bzw. sechs Kapitel würde ich schlicht als genial bezeichnen. Das ist ein wahrer, eiskalter Alptraum, packend und dicht und erschreckend. Kurz nach der Revolution in Rumänien wird eine kleine ausgewählte Amerikanergruppe durch das Land geführt. In Transsylvanien besichtigen sie Waisenhäuser, in denen Tausende Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen ... dahinvegetieren, denn leben kann man dazu beim besten Willen nicht sagen. Die medizinische Versorgung ist geradezu mittelalterlich, fast 50% der Kinder leiden an AIDS oder Hepatitis B. Simmons' Schilderung ist gnadenlos realistisch und detailliert, das Elend in diesem dreckigen, leeren, düsteren Rumänien mit Händen zu greifen. Und dann läßt Simmons den Ich-Erz„hler, den Milliardär Vernor Deacon Trent, sich als Vlad Dracula entpuppen, als den Fürsten der Dunkelheit, der bereit ist zu sterben und seinen "Nachfolger" ins Amt einzuweihen.
Ein toller Beginn!
Das, was folgt, ist von wenigen Ausnahmen abgesehen ein mieser Thrillerschund, wie man ihn von Simmons eigentlich nicht erwartet. Selbst die handelnden Figuren in diesem Roman sind nur Klischeepersonen, nicht nachvollziehbar und meist ganzheitlich gut oder böse. Welch Unterschied zu anderen Simmons-Büchern! Dies beginnt schon gleich nach der Exposition mit der Einführung der Heldin, der amerikanischen Hämatologin Dr. Kate Neuman, die verständlicherweise gefrustet ist von ihrem Job im Krankenhaus im ersten Bezirk von Bukarest. Sie ist scheinbar die einzige, die richtig hart arbeitet. Die einheimischen Ärzte sind eher den Freuden des Nachtlebens ergeben als ihrer Arbeit, das Pflegepersonal kriminell unfähig und unsympathisch böse: "... und die dicke Schwester mit dem Knoblauchatem hat dem Kind [bei einer IV-Spritze, A. H.] ein Luftbläschen ins Herz injiziert." (S. 47). Die Stimmungszeichnung, die Simmons da betreibt, ist - gelinde gesagt - primitiv. Mr. Simmons kann sich ja selbst einmal - nur so zum Spaß - Luft injizieren, ruhig eine große 20er Spritze. Er wird daran nicht sterben. Auch bei zweien nicht (OK, vielleicht ein paar Embolien bekommen, die auch alles andere als harmlos sind.).Natürlich ist bei Kleinkindern die Luftmenge wesentlich geringer, die zum Tode führen kann, aber so pflichtvergessen kann man gar nicht sein, bei einer IV-Spritze oder -Infusion genügend Gas in die Blutbahn zu bringen. Als ob so etwas nicht schon ärgerlich genug wäre, setzt Simmons das ganze im gleichen Ton fort.
Kate will einen kleinen Waisenjungen adoptieren, der an einer extrem seltenen kombinierten Immunschwäche leidet und dessen Zustand sich immer nach Bluttransfusionen bessert. Der Kampf mit den rumänischen Behörden um die Genehmigung ist erstaunlich leicht, dafür stellen sich nun natürlich die Amerikaner quer. Zum Glück hilft Pater O'Rourke. "Ah!" muß jetzt der Simmons-Fan schreien, dieser Pater ist mit dem kleinen Mike O'Rourke aus "Sommer der Nacht" identisch; dem Rest der "Fahrradpatrouille" geht es gut, Jim Harlen ist sogar zum Senator aufgestiegen und klärt für Kate die unschöne Angelegenheit. Nette Idee, die alten Helden wiederaufleben zu lassen, aber letztlich unnötig, da auch Pater O'Rourke den Vampiren zum Opfer gefallen ist, will sagen zu blutleer, um ein "richtiger" Mensch zu sein. Kurz vor dem Abflug mit dem kleinen Joshua, so hat sie den Jungen genannt, wird Kate noch von rumänischen Beamten aus reiner Lust schikaniert. Wie man es von einem schlechten Thriller erwartet. Die Krönung ist jedoch die unbedarfte Einbindung von atmosphärefördernden Details wie dem Wetter. Wenn Chandler das zum Beispiel in "Der große Schlaf" (oder "Mord im Regen", wie die ursprüngliche Erzählung treffenderweise heißt) tut, besitzt das Klasse und Wirkung. Wenn Simmons nach dem Verlassen des düsteren Ostens und Eintreffen im goldenen Westen beim Überfliegen der polnisch-deutschen Grenze das Schlechtwettergebiet zum Sonnenschein werden läßt, wird mir einfach nur schlecht.
Es fiel mir nicht leicht, in dieser Phase weiterzulesen. Als Simmons-Fan (und trotz dieses Debakels bin ich das noch immer) wollte ich jedoch - auch eingedenk Thomas Hofmanns enthusiastischer Besprechung im SX 47 - erfahren, in welche "neuen Dimensionen des Grauens" (Klappentext) Dan Simmons denn nun vorstößt.
Tatsächlich, es wurde besser - sogar richtig interessant und spannend. Doch nur für kurze Zeit. Da die Neuman "ihr" Kind schon Joshua=Jesus getauft hat, muß ja auch etwas besonderes dahinterstecken. Im heimischen Ableger des Seuchenkontrollzentrums in Boulder/Col. (Sogar diese für Simmons vertraute Umgebung gelingt ihm nicht so recht überzeugend, was jedoch sehr wohl an meinem Ärger liegen kann.) darf sich Kate an eine unglaubliche Arbeit machen. (Was an und für sich auch schon unglaublich ist; bei derart vagen, durch nichts bewiesenen kühnen Vermutungen hätte sie mein Geld für die Forschungen nicht bekommen.) Neben dem Immundefekt hat man bei Joshua nämlich eine Mutation festgestellt, ein zusätzliches Organ im Inneren des Magens, welches ausschließlich dazu da ist, aufgenommenes Blut zu resorbieren. Aber es kommt noch unfaßbarer: Joshua ist Wirt eines Retrovirus, der ähnlich wie der HIV arbeitet, weitaus "aggressiver" ist als dieser (d. h. wesentlich mehr gesunde Blutzellen befällt), jedoch einen positiven Effekt besitzt. DNA aus dem Fremdblut wird aufgenommen, aufgespalten, und Teile dieser fremden Erbinformation dienen zur Reparatur des Immundefekts. Joshua könnte also zum Erlöser der kranken Menschheit werden. Und hier trivialisiert Simmons in geradezu unverantwortlicher Art und Weise. Wie schon erwähnt, muß das Kind natürlich entsprechend seiner Stellung Jesus heißen. Genauso ergeben sich - völlig zwangsläufig - Heilungsmethoden für die großen Menschheitsgeißeln AIDS und Krebs. (Und heute würde der "J-Virus" bestimmt gleich Creutzfeld-Jacob mitheilen, das Eiweiß des Prion vielleicht selbständig verändern.) Gott wird schon irgendwie helfen, und den Tüchtigen wird er sich offenbaren!
Da das des Schönen zuviel ist, müssen die blutsaugenden Kräfte des Bösen ihre langen Finger nach ihrem künftigen Führer, denn das ist Joshua, leibhaftiger Sohn des Vlad Dracula, ausstrecken. Ein Unbekannter dringt in Kates Haus ein, nur mit Mühe, Glück, der Hilfe ihres Ex-Mannes Tom und einigen Schrotladungen kann die Ärztin Joshuas Entführung durch einen scheinbar Unsterblichen verhindern. Das passiert letztlich doch, und weil Böse richtig böse sein müssen, lassen die ihr Haus in Flammen aufgehen, hinterlassen eine fingierte Kinderleiche in den qualmenden Trümmern, so daß Kates Aussagen, daß ihr Adoptivsohn noch lebt, niemand glaubt, bringen das Kindermädchen und Tom um, genauso wie Kates Kolleginnen im Seuchenkontrollzentrum (wie das passierte, habe ich nicht ganz mitgeschnitten, auch bei späterem Nachblättern war die Stelle unauffindbar), die am gleichen Projekt arbeiteten.
Da bleibt Kate, die glaubt, die Bluttransfusionen durch die Gabe von von Schweinen produziertem Hämoglobin (die Gentechnologie macht's möglich) ersetzen zu können, nur der Weg zu Pater O'Rourke. Dem außergewöhnlichen Priester, der so undurchsichtig ist, in Vietnam war, geheime Verbindungen kennt, Hubschrauber fliegen kann, eine Beinprothese tragen muß - da fügt sich für mich kein homogenes Bild zusammen. Zusammen reisen sie illegal nach Rumänien, ein Zigeuner schmuggelt sie über die Grenze. Das Land Rumänien, das Simmons beschreibt, liegt eher im Reich der Mythen und Legenden als in Südosteuropa. Alles ist feindselig dort, keinem kann man trauen, die mächtige Securitate, der Geheimdienst Ceausescus, hat alles unter ihrer Terrorkontrolle. Irgendwo mittendrin war ich richtiggehend froh, daß es keinen solchen deutschen Horrormythos gibt, sonst hätte wahrscheinlich die Stasi durch die "Mietskasernen aus der Honecker-Ära" sprich Neubaugebiete patrouillieren können. Für die Spannung werden alle Bösen als Finsterlinge hingestellt, Unbeteiligte sind ohnehin immer Feinde, das gesamte Land wird Schwarz in Schwarz gemalt, nur Kate, O'Rourke und seine "Franziskanerkumpels in Kutte" (S.326) sind die Guten. Simmons übertreibt (ich will nicht sagen maßlos) und läßt damit auch den letzten Rest Glaubwürdigkeit verschwinden. Wir befinden uns in einem simpel gestrickten Thriller, der sich zugegebenermaßen mit einiger Spannung aber auf keinen Fall mehr mit Ernst lesen l*auml;ßt.
Wahre Schreikrämpfe kann man dann wieder beim "großartigen" Showdown bekommen, James Bond hätte seine Freude daran gehabt.
Kate und O'Rourke, die mittlerweile miteinander schlafen (O'Rourke war sowieso ein "zweifelnder" Priester und vor dem Austritt aus der Kirche - so einfach ist das), finden heraus, daß eine viernächtige "Zeremonie" den Machtwechsel unter den Strigoi (=Kämpfer, der Begriff hat seine Ursprünge im lateinischen "strix", was soviel wie Vampir bedeutet) feiert. In der letzten Nacht soll Joshua "das Sakrament vollziehen", d. h. soll Blut trinken und somit ein "wahrhafter" Strigoi werden. Das wollen Kate und O'Rourke freilich verhindern, das Kind zurückentführen oder - sollte das nicht möglich sein - töten. Damit ihm das böse Leben als Vampir erspart bleibt.
Die beiden werden gefangen und sollen zur Weihe als lebende Blutkonserven dienen. Getrennt voneinander bringt man sie zum alten Schloß Draculas. Nur knapp einer Vergewaltigung entgehend, wird Kate von einem alten Freund gerettet, dem Medizinstudenten Lucian, der offenbar ein Doppelagent ist. Er kann Kate bis nah ans Schloß bringen, bevor er - beim Durchbrechen einer Straßensperre tödlich verwundet - stirbt. Kleines Highlight am Rande: Bei ebendiesem Zwischenfall wird Kate der Absatz eines ihrer Schuhe abgeschossen!!! Das ist Horror. Nicht wahr?
Im Wald trifft Kate auf eine Zigeunerin, die sofort weiß, daß Kate diejenige ist, die von ihrem Stammesverwandten über die Grenze geschmuggelt worden ist, und der Amerikanerin ihr Pferd leiht. Tja, nichts ist so unauffällig wie eine Frau auf einem Pferd in der Wildnis auf jahrhundertealten Wegen - selbst in Rumänien. Hanebüchen geht es weiter: Mit bergsteigerischem Talent klettert die abgerissene Kate einen Teil der Felsenwände hoch, schwingt sich über die Brüstung des Schlosses. Die sonst unglaublich starken und schnellen Strigoi schauen dumm zu, so daß Kate sich das Baby schnappen kann. Sie stellt sich damit auf die Brüstung, wie weiland die Frau des Vlad Dracula, und droht, den Thronfolger in die Schlucht zu werfen. Sie preßt damit O'Rourke frei, der dann gleich einen Hubschrauber kapert (War der nicht bewacht oder was?). Josh und sie versuchen einzusteigen, der wahre Bösewicht, der Halbbruder Draculas, kämpft mit Kate, am Ende stürzt er in einer nahezu pittoresken Szene in die Tiefe und pfählt sich selbst. Das nenne ich Maßarbeit! Und dann können die drei gerade rechtzeitig noch fliehen, bevor die bei der Renovierung des Schlosses eingemauerten Sprengsätze hochgehen.
Das ist doch ein wahrlich preiswürdiges Ende oder nicht? Das ist der allerletzte, unlogischste, schundigste Mist, den ich seit einiger Zeit gelesen habe (Im Vergleich erscheint mir das harmlose "Mimikry" Krögers (SX 76) noch richtig gelungen.)! Zusätzlich nicht besonders sinnvoll, da man kaum davon ausgehen kann, daß alle Strigoi anwesend waren und vernichtet worden sind, somit also immer noch eine Gefahr für das Kind besteht, der Kate nicht gewachsen ist. Vlad Dracula, zum Beispiel, der fortschrittlich eingestellt ist und zum "Erlöser seines Volkes" werden will, hat überlebt.
Bei mir bleibt der fade Geschmack eines Schnellschusses zurück, eines Ausschlachtens der aktuellen Situation, die Simmons hilflos zeigt. Der Gedanke, den Vampir-Mythos auf eine quasiwissenschaftliche Grundlage zu stellen, ist schon lobenswert. Auch die Idee, daß die Vampire zu den Rettern der Menschheit werden könnten, entbehrt nicht einer gewissen Größe, die Simmons ohne Zweifel besitzt. Das hat er oft genug bewiesen. Er hat sich mit Rumänien beschäftigt, ist dort gewesen, hat die Sprache gelernt, den geschichtlichen Hintergrund von Vlad Tepes extrahiert. Nur rührt Simmons die ausgezeichneten Zutaten in eine ekelerregend konventionelle, primitive Thrillersuppe, daß das Endergebnis wirklich ungenießbar ist.

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Children of the Night, © Dan Simmons 1992, ¨bersetzt von Joachim Körber 1993, Heyne München 1996, 510 Seiten, DM 14.90


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