DAN SIMMONS "SOMMER DER NACHT"

(Heyne-TB 01/9798)


,gelesen von Andreas Hirn



Heyne verkürzt uns die lange Wartezeit bis "Endymion", der - nach dem ersten Kapitel zu urteilen - grandiosen Fortsetzung zu "Hyperion"/"The Fall of Hyperion", mit Nachauflagen der als Jumbos erschienenen Horrorromane von Dan Simmons, die ich alle innerhalb der nächsten Heften besprechen möchte.
"Sommer der Nacht" (1991) ist ein sehr langer, sehr spannender und sehr traditioneller Horrorschinken, der nicht zum besten gehört, was Simmons geschrieben hat. Trotzdem empfehle ich ihn weiter, hat er mir doch wieder zwei Punkte ins Gedächtnis gerückt, weshalb Horror nicht zu meinen bevorzugten Genres zählt (im Text mit [1] und [2] gekennzeichnet).
Der Roman beginnt mit einer ziemlich langen, nicht gerade uninteressanten, jedoch breit ausgewalzten Exposition. Wir schreiben das Jahr 1960, Old Central, die alte, dunkle Schule der aussterbenden Provinzstadt Elm Haven im amerikanischen Mittelwesten wird endg¨ltig geschlossen. Am letzten Unterrichtstag vor den Sommerferien verschwindet ein kleiner Junge spurlos, doch niemand macht sich deswegen ernsthafte Sorgen.
Sechs Jungen forschen dennoch nach. Und der Gang der Ereignisse gibt ihrem Mißtrauen recht. Das Böse übernimmt langsam die Macht in Elm Haven. Die verstorbene Lehrerin Mrs. Duggan erwacht von den Toten, der Abdeckereilaster versucht, eines der Kinder zu überfahren, ein junger Mann in der Uniform eines Soldaten aus dem ersten Weltkrieg und ohne richtiges Gesicht taucht auf. Die mystische, unheilbringende "Säule der Offenbarung", personifiziertes Böses, erwacht 60 Jahre, 6 Monate und 6 Tage nach dem letzten ihr gebrachten Opfer: Im Mittelalter wurde sie eingeschmolzen und zu einer Glocke verarbeitet, die seit 1876 im Turm der Schule von Elm Haven hängt. An ihrem Seil knüpfte man einen unschuldigen Schwarzen auf, der beschuldigt wurde, kleine Kinder umgebracht und verspeist zu haben. Das unheilige Opfer...
Wer dem Geheimnis zu nahe kommt, muß sterben. Das merken die Jungen schnell (einen hat eine sich selbständig machende Erntemaschine schon in Geschnetzeltes verwandelt), aber mit Phantasie und Mut stellen sie sich dem Angriff des Bösen.
Anfangs mag das Buch noch Ähnlichkeiten mit King haben, dann kulminieren die Ereignisse jedoch immer wieder zu wahren Schreckenshöhepunkten (ein Gefühl, das ich bei der Lektüre eines Kings noch nie hatte - gut, ich habe bis jetzt nur zwei gelesen und bin auch nicht traurig darüber). Was mittelprächtig begann, gewinnt schnell an Fahrt. Die Jungen werden sehr sympathisch eingeführt, sie sind kleine Heldenfiguren, mit denen man richtig mitfiebern kann. Nicht bloß ein weiterer Prototyp des gewitzten, tapferen, altklugen und schrecklich nervtötenden Vorzeigekindes. Simmons wechselt oft die Erzählperspektive, nacheinander schlüpfen wir als Leser in die kleinen Jungenkörper und dürfen uns mit ihren Ängsten vertraut machen.
Nur in klitzekleinen Schritten übernimmt der Schrecken die Herrschaft. Und das ist auch nachvollziehbar, eine Eigenschaft, die ein guter Horrorroman haben sollte, denn nur so kann der Autor die volle Angst bei Protagonisten und Lesern entfachen. Es ist immer eine logische Erklauml;rung für die Vorfälle denkbar. Simmons hat ein unglaubliches Gespür für Geschichten. Er verflicht die Horrorstory mit ganz alltäglichen Episoden um die Probleme der Heranwachsenden und baut dabei eine geladene Atmosphäre auf. Irgendwann glaubt man den Jungen einfach. Es fehlt scheinbar immer nur ein kleines Mosaiksteinchen zur Lösung des Rätsels, bevor sich das wieder nur als Trugschluszlig; herausstellt. Die Kinder machen wirklich die Hölle durch, und Simmons kann dieses Erschrecken glänzend auf den Leser übertragen (So daß ich am ersten Abend regelrecht Angst hatte, das Licht im Zimmer auszumachen und nur schlecht einschlafen konnte - Horror von dieser Qualität ist mir schon wieder zu gut[1].).
Schwierigkeiten bekommt Simmons mit der finalen Lösung, so daß ich nun doch ziemlich enttäuscht diese Rezi schreibe. Wie will man das Ganze auflösen [2]? Dabei das rechte Maß für die Schockeffekte finden; eine Auflösung bieten, die weder läppisch noch lachhaft ist; einen Höhepunkt setzen, der das gesamte Buch überstrahlt?
Simmons hat sich für die lachhafte Variante entschieden. Und läppisch ist sie irgendwie auch noch. Alle vorher aufgebaute düstere Atmosphäre geht verloren, die mit Wärme und etwas Humor beschriebene Gemeinschaft der Jungen verwandelt sich eher in einen Kampftrupp. Gut, der Showdown würde sich bestimmt wunderbar in einer Verfilmung des Stoffes machen. Da gibt es Heldentum, Action und nach wie vor sehr große äußere Spannung. Dafür geht die Glaubwürdigkeit endgültig baden. Man kann einfach nicht mehr an das glauben, was da geschildert wird, es interessiert einen auch plötzlich kein bißchen mehr. Die Geschehnisse haben kausal nichts mehr mit der Umwelt zu tun. Simmons mit seinem feinem Gespür für Geschichten ist sich dieses Dilemmas wohl bewußt und versucht es auch zu lösen, aber sehr lasch und keineswegs befriedigend.
Bedauerlich, denn das paßt nicht zu dem restlichen Buch, das hochklassige und fesselnde Unterhaltung darstellt.

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Summer of Night, © Dan Simmons 1991, ¨bersetzt von Joachim Körber 1992, Heyne München 1996, 766 Seiten, DM 14.90


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