KRISTINE KATHRYN RUSCH: "DIE WEISSEN SCHLEIER DER MACHT"

(Heyne 06/5303)


, gelesen von Andreas Hirn


Nach meinen guten Erfahrungen mit "Fremde Einflüsse" und "Die Herzleser" habe ich mich nun (im deutschen Erscheinungsmodus wie im originalen) zu den Anfängen durchgearbeitet. "Die weißen Schleier der Macht" waren 1991 das Debüt von Kristine Kathryn Rusch - und hätten mich schon damals zu ihrem Fan gemacht, hätte ich das Buch bereits in die Hände bekommen.
Die Handlung spielt in zwei Ebenen. Der junge Prinz Adric läßt sich von einer Enos, einer alten Weisen, die im Auftrag der Ahnen das Land beschützt, seine Zukunft weissagen. Schlau wird der aufgeweckte junge Prinz nicht daraus (doch der Leser kann sich darauf gefaßt machen, die Prophezeiungen werden eintreten - nun ja, zumindest so fast). Er freut sich schon sehr auf seinen ersten großen Ausflug in die Stadt mit einem der Ratgeber seines Vaters. Doch dieser will ihn aus dem Weg schaffen. Er setzt ihn mit etwas Geld in der Stadt aus - in der guten Hoffnung, jemand werde den Jungen schon umbringen. Adric wird auch tatsächlich überfallen, kann sein Leben jedoch retten, muß auf einem Bauernhof arbeiten und kann mit einem Knecht, der sein Freund wird, fliehen, um in den Palast zu seinem Vater gelangen. Denn er ist für tot erklärt worden.
In der zweiten Handlungsebene begegnen wir dem Barden Byron, dem Mann mit den "weißen Schleiern der Macht". Er trägt die Kraft in sich, das ganze Land zu verändern. Obwohl er nie etwas böses will, sein Charisma läßt ihn überall zum Außenseiter werden. Wenn sich nicht gerade Morde in seinem Umfeld abspielen, so verdirbt er es sich mit seinen Herren so kräftig, daß er entweder vom Land gejagt wird oder selbst getötet werden soll. Trotzdem findet er mit dem (nicht sonderlich begabten) Magier Seymour einen treuen Freund und Begleiter - und zusammen ziehen auch sie zum Palast des Königs.
Die Figuren sind genau und ohne viele Klischees charakterisiert, der Stil ist sehr gut, die Handlung wird in subtilen Fäden gewirkt. Kristine Kathryn Rusch spinnt ein klassisches Intrigengewirr, das mit der starken Figurenkonstellation für jede Menge innere Spannung sorgt. Die einzelnen Kapitel folgen in personaler Erzählweise immer den einzelnen Figuren. Der Fortgang der Handlung geschieht genau im richtigen Tempo, das Buch liest sich sehr gut, ist interessant und zeichnet sich auch gegenüber anderen Fantasy-Romanen, die in pseudofeudalistischen Welten angesiedelt sind, durch ein hohes Maß an Realismus, obwohl gleichzeitig das Bild der Frau in dieser Welt (auch von sich selbst bei einzelnen Personen) zeitgemäß modern ist, was dennoch sehr gut paßt.
Schnell wachsen einem die Protagonisten ans Herz. Sicherlich ist das auch mit dafür verantwortlich, das man ohne Bedenken der Autorin vertraut, bevor sie einen schnöde hintergeht und eine absolut überraschende Wendung in den Roman einbaut, die vorher mit aller Macht verschleiert wurde, ohne sie vorher langsam vorzubereiten. Ich will nicht verraten, worin dieser "Verrat" besteht, denn das Buch lohnt die Lektüre auf jeden Fall. Der Vertrauensbruch wird hinterher auch noch in sehr ansprechender Weise plausibel gemacht. Aber ärgerlich ist es dennoch - weil in meinen Augen unnötig. (Nun, das hat KKR danach nicht wieder gemacht - jedenfalls nicht in den beiden anderen Büchern, die ich von ihr kenne.)
Kristine Kathryn Rusch meistert ihre komplexe Handlung sehr gut. Die Bemühungen des intelligenten Adric, wieder in seinen ("Traum"-)Palast zu kommen liegen einem genauso am Herzen, wie einen die fast tragische Rolle des Byron berüht, weil er ohne es zu wollen doch immer wieder Unglück bringt. Und das Finale dann ist wirklich sehr gut, das Tüpfelchen auf das I der gelungen konstruierten Handlung.
Die Atmosphäre ist gewohnt dicht, und auch schon in ihrem Erstling gelingt es Kristine Kathryn Rusch in ihrer sehr persönlichen Art zu schreiben sehr ambivalente Figuren zu schaffen, die neben allem Hang, sie von vornherein ins Fantasyklischee zu pressen, äußerst plastisch geraten und immer wieder für (positive wie negative) Überraschungen sorgen. Abgesehen von der Irritation zu Beginn des letzten Viertels für mich sogar das beste von Ruschs Büchern.
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The White Mists of Power, © 1991 by Kristine Kathryn Rusch. Deutsche Übersetzung von Peter Pape (1995). Heyne Verlag, München. 396 Seiten, DM 14.90


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