KRISTINE KATHRYN RUSCH: "FREMDE EINFLÜSSE"
(Heyne 06/5639)
, gelesen von Andreas Hirn
Seit ihrem Erstling "Die weißen Schleier der Macht" 1991 erschienen in schneller Folge eine ganze Reihe von Romanen der noch jungen Autorin (Jahrgang 1960). Der deutsche Markt hat bis jetzt leider kaum etwas von ihr zu bieten, was sich aber unter Umständen ändern kann, denn das wie die "Alien Influences" zuerst in England erschienene "Heart Readers" ist von Heyne bereits angekündigt. "Fremde Einflüsse" hat mich nicht unbedingt in Begeisterung versetzt, aber es waren doch weit mehr Stellen zum Reiben darin, mehr Diskussionsansätze als in dem traditionell geradlinig erzählten "Inseln im Chaos" von Kate Wilhelm, das ich vorher gelesen hatte.
Auf dem Kolonieplaneten Füllhorn entsetzen schreckliche Morde an Kindern die Behörden. Den Kindern werden die Hände abgeschnitten und Herz und Lunge entfernt, wie es dem Initiationsritus der auf Füllhorn einheimischen "Tänzer" entspricht. Die Kolonisten haben natürlich die Aliens unter Verdacht - und den soll der eingeflogene Psychologe Justin Schafer bestätigen, so daß man den Planeten "säubern" kann.
Die Stoßrichtung scheint zunächst klar zu sein. Die wegen ihrer Grazie und schwebenden, fließenden Bewegungen so genannten "Tänzer" hüteten nämlich das Geheimnis des Anbaus von zur Drogenherstellung wichtigen Kräutern. Der Anbau ist den Siedlern nun jedoch selbst gelungen, so daß die "Tänzer" überflüssig geworden sind. Das findet Schafer auch schnell heraus, genauso, daß man ihn nur wegen seines Versagens auf einem anderen Planeten, wo er die Fastausrottung der dort eingeborenen Spezies auf dem Gewissen hat, nach Füllhorn gerufen hat.
Dies ist schon typisch für den Fortgang des Romans, bei dem man lange Zeit nicht weiß, auf was Kristine Kathryn Rusch hinauswill. Die Menschen sind durch die Bank weg voll von Fehlern und Vorurteilen. Sie können ihre kleinen Spielchen nicht gewinnen, haben gleichzeitig genug Macht, die Pläne ihrer Gegenspieler zu durchkreuzen. Der anfangs durchaus positiv gezeichnete Schafer trifft auch auf Füllhorn eine Entscheidung, die zweifelhaft ist. Es waren Kinder gewesen, die von den - durchaus nicht unschuldigen - "Tänzern" fasziniert, deren Ritus des Erwachsenwerdens nachvollziehen wollten - in vollem Glauben, daß ihnen das gleiche gelingen kann, wie den "Tänzer"-Kindern, weil sie sich nicht genug über ihr eigenes Menschsein klar sind, ihr Handeln nicht werten können. Das wirft natürlich kein gutes Licht auf die Eltern, die ihre Sprößlinge ohne eine Schule und Anteilnahme aufgezogen haben, immer auf der Jagd nach dem berauschenden Salzsaft. Das steht aber nur am Rande.
Die Frage, die danach ins Zentrum rückt ist die des "fremden Einflusses", den die "Tänzer" auf die Kinder ausgeübt haben müssen. Da sie den Ritualen dieser gefolgt sind und man sie nicht versteht (es auch nicht ernsthaft versucht), ist man schnell mit einem Urteil zur Hand. Nach einem weiteren Todesfall unter den nun gefangenen Kindern werden sie schnell getrennt und in eine Strafkolonie abgeschoben.
Hinter die Oberfläche des Falles hat auch Schafer nicht geblickt, warum die Kinder sich als "Tänzer" betrachtet haben, kommt auch ihm nicht annähernd in den Sinn. Das Fremde bleibt unverstanden.
In diesem Stadium ist der Roman beklemmend. Die Konstruktion der Handlung wird nun breiter. Zunächst begegnet man Beth, einem der verurteilten Kinder, wieder. Sie arbeitet in einer Art Bordell für Angehörige aller möglicher außerirdischer Spezies. Sie ist die erste, die nach ihrer Entlassung aus der Haft etwas in dem Teil ihres Ichs entdeckt, das eine "Tänzerin" ist, was ihre eine neue Hoffnung gibt - und das ihre körperliche Hülle sterben läßt.
Ohne zuviel zu verraten, kann ich auflösen, daß die Hoffnung am Ende erfüllt wird, wenn auch anders als gedacht. Die einzelnen Kapitel folgen immer einer einzigen der Figuren. Das ist in zunehmendem Maß John, der damalige Anführer der Kinder, der einzige, der anpassungsfähig genug ist, ein halbwegs normales Menschenleben führen zu können.
Der Hintergrund der düsteren Handlung ist altbekannten Mustern entlehnt und teilweise mit schönen Ideen geschmückt. Die Zukunft ist unbestimmt weit weg, die Menschheit hat praktisch große Teile des bekannten Weltraums kolonisiert. Es gibt viele verschiedene intelligente Spezies von Aliens, verbotene Welten und Planeten, die bezwungen werden müssen. Die Menschen selbst sind jedoch so geblieben, handeln in extremen Situationen so wie schon immer: Eigensüchtig verfolgen sie ihre Ziele ohne Rücksicht auf Verluste. So kommt Justin Schafer trotz seiner Fehleinschätzungen als großer Experte der Psyche der acht "Tänzer"-Kinder aus den anfänglichen Ereignissen heraus.
Alles, was zu schwach oder zu fremd ist, hat in dem System kaum eine Chance. Es gibt zwar ein Gesetz über "fremde Einflüsse", auf die beeinflußten Kinder wird es jedoch nicht angewandt. Das spielt zwischendurch auch eine starke Rolle, bevor es Rusch wieder aus den Augen verliert. So geht es mit einigen Themen, wo sie hätte mehr nachbohren können. Stellenweise ist der Roman ist auch so schon beängstigend, auf viele aufgeworfene Fragen gibt es allerdings keine befriedigenden Antworten, nur mehr oder weniger schwache Ansätze.
So ist die unterhaltende Qualität durch eine recht kompliziert konstruierte Handlung etwas geschmälert, noch größerer Tiefgang durch ein Haltmachen kurz unter der Oberfläche verschenkt. Aber Kristine Kathryn Rusch ist auf einem guten Weg, tatsächlich einen bemerkenswerten Roman zu schreiben.
----------
Alien Influences, © 1994 by Kristine Kathryn Rusch. Übersetzung von Peter Robert 1997. Heyne-Verlag, München, Hardcover-TB. 462 Seiten, DM 19.90
Mehr Kristine Kathryn Rusch bei ONE PLUS ONE
Die Herzleser
Die weißen Schleier der Macht
Zurück zur Übersicht
Zurück zur Homepage