HARRY HARRISON & MARVIN MINSKY: DIE TURING-OPTION

(Heyne 0605647)


, gelesen von Andreas Hirn

Was kann man erwarten, wenn sich zwei lebende Legenden wie Harry Harrison und Marvin Minksy zusammentun, um einen Science Fiction Roman zu schreiben? Wohl genau das, was "Die Turing-Option" geworden ist.
Das Buch ist im Prinzip ein netter Anachronismus, eine zeitgemäße Fortführung der Konzepte der Science Fiction von vor mindestens vierzig Jahren. "Die Turing-Option" hat alle Vor- und Nachteile von Hard SF. Nach gerade am Anfang unangenehm auffallenden dozierenden Passagen (Gibt es in den Schulen nicht so etwas wie Informatik-Unttericht [Ah, Entschuldigung, da ging doch wieder die alte deutsche Sprache mit mir durch, das Fach muß natürlich Computerwissenschaft heißen.], wo man auch als nichtallgemeingebildeter Mensch bereits beigebracht bekommt, was z. B. Hardware und Software sind?), kommt der interessante Hintergrund zum tragen ("Background as foreground!"), ist die Minksy-Harrison-Ideenwelt in all ihrer atemberaubenden Technik zu genießen. Wer sich natürlich nicht im geringsten für Computer interessiert, wird das gähnendlangweilig finden. (Der wird das Buch wohl auch nie lesen.) Zwischendrin und als Träger äußerer Spannung fungiert noch eine Thrillerhandlung um mächtige Saboteure, die auch vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken, wie man es bei Harrison erwarten kann, sind da Militär und Politik nicht ganz unschuldig. Aber das ist wohl schon wieder fast nebensächlich.
"Die Turing-Option" ist - für die heutzutage geschriebene SF ungewöhnlich - hemmungslos technikgläubig, was allein schon wieder Spaß macht. Nicht nur Computer, von deren Rechenleistung man heute noch träumt und die dazu noch in einem unglaublich kleinen Format ausgeführt sind, bestimmen den Alltag in der uns beschriebenen näheren Zukunft. Es gibt Systeme, die bei Videokonferenzen echtzeitübersetzen und das Gesagte als Fax schicken. Die Telefone sind standardmäßig mit Modem ausgerüstet und ersetzen quasi einen kleinen Sekretär, d. h. nehmen Nachrichten entgegen oder verschicken welche, können Auswahlen der Anrufer treffen, Termine planen usw. usf. Das Fernsehen ist hochauflösend geworden (inhaltlich jedoch gleichgeblieben) und beinhaltet gleich einen elektronischen Agenten, der beispielsweise die für den Nutzer sehenswerten Nachrichten nach dessen Vorgaben auswählt und aufzeichnet. Bücher werden hauptsächlich digital publiziert in Hypertext und mit meist animierten Grafiken; aber es gibt auch Geräte von den Ausmaßen eines heutigen Buches, in denen eine ganze Bibliothek Platz hat, und welche nur aus ca. 10 Seiten (eine Art weiterentwickelter Flachbildschirm) bestehen, die immer wieder mit den entsprechenden Passagen beschrieben werden.
Das ist nur ein Ausschnitt aus den Möglichkeiten, die auf der Erde des 21. Jahrhunderts bestehen sollen. Manche von ihnen sind völlig utopisch (wie der Miniatursupercomputer, den der Held Brian im Gehirn hat), manche in einem Teststadium und weit entfernt von der von Minsky und Harrison beschriebenen Proffesionalität (so existieren z. B. Systeme, die bei einer Videokonferenz automatisch übersetzen, allerdings funktioniert das selbst bei den versuchten Experimenten mit einem eng beschränkten Thema und vorgefertigten Sätzen, aus denen man auswählen kann, mehr schlecht als recht - und die Mundbewegungen des Partners an die Simultanübersetzung zu synchronisieren ist [noch] Traum) und andere gar nicht so weit entfernt (wenn man an die Masse der "Multimedia"-Lexika denkt, die es mittlerweile zu kaufen gibt - auch wenn ich bezweifle, daß sich eine solche Publikationsform für beliebige Bücher durchsetzt).
Da ist die äußere Handlung wohl fast schon Nebensache, gleichwohl sie den nicht so gläubigen Leser bei der Stange halten soll. Dem genialen Mathematiker Brian Delaney ist gerade ein entscheidender Durchbruch bei seiner KI-Forschung gelungen, als Unbekannte das Hochsicherheitslabor überfallen, alles nicht niet- und nagelfeste mitnehmen, den Rest zerstören und die anwesenden Personen töten.
Glauben sie jedenfalls, denn Brian überlebt mit schwersten Kopf- und Gehirnverletzungen. Seine behandelnde Ärztin Dr. Snaresbrook kann mit Hilfe der von Brian entwickelten Computertechnik (die zumindest kurz davorsteht, intelligent zu sein) einen Großteil seiner Erinnerungen bis zum Alter von vierzehn Jahren wiederherstellen. Er hat nun ein paar Chips und ein Wunderwerk von einer Zentralheit im Gehirn, die ihm Sachen erlauben, die sonst kein Mensch kann. Und ihn auch schon irgendwie selbst in die Nähe einer künstlichen Intelligenz versetzen.
Von Militär schwer bewacht kann er unter weit besseren Konditionen als früher forschen. Wie zu erwarten war, bekommt er tatsächlich eine funktionierende KI hin, flieht mit ihr aus seinem goldenen Käfig.
Den Großteil der Spannung bezieht der Roman aus dem Fortschreiten der Thrillerhandlung, der Suche nach den Tätern und den Drahtziehern. Wenigstens bei Brian bemühen sich die Autoren darum, seinem Charakter etwas Tiefe zu geben, was ihnen auch teilweise ganz gut gelingt. Ansonsten gibt es viele Klischees und auch einige Spannungslöcher.
Unterhaltsam ist es dennoch. Und wer sich ein wenig für Computer und KI interessiert, wird von dem Buch ganz sicher nicht enttäuscht sein. Denn da gibt es doch etliche recht interessante Passagen. Der Titel spielt auf den Turing-Test an, bei dem ein Mensch in einem anderen Raum mit einem Partner nur über Bildschirm und Tastatur kommuniziert. Erst, wenn der Mensch sein Gegenüber nicht als Maschine identifizieren kann, ist diese intelligent. (Es gibt da tatsächlich solche Veranstaltungen, bei denen für einen erfolgreichen Test auch eine Menge Geld ausgelobt ist - aber noch war kein Programm gut genug.) Für die Informatik aber vielleicht interessanter ist Turings Arbeit über einen abstrakten Automaten, der nur aus einer Blackbox, Schreib- und Leskopf, einem unendlich langen und nach beiden Seiten bewegbaren Papierband besteht, und der alle Algorithmen ausführen kann. Aber darum strickt man besser kein belletristisches Garn, das Ergebnis wäre dann wohl noch zehnmal härter (im Sinne von hard sf, die man kaum versteht) als z. B. Greg Egans "Cybercity", und das war schon ziemlich heftig.
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The Turing Option, © 1992 by Harry Harrison & Marvin Minksy. Deutsche Übersetzung von Christian Mähr 1997. 539 Seiten, DM 16.90


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