ED McBAIN: "DER LETZTE SPRINT"
(Bastei-Lübbe 13902)
Ein Roman aus dem 87. Polizeirevier
, gelesen von Andreas Hirn
Die Geschichte der deutschen Titel der Ed McBain Romane um das 87. Polizeirevier ist eine gruselige, manchmal auch lustige. Bastei hat in seiner Neuausgabe ja meist die Originaltitel übersetzt, diesmal jedoch endlich eine Kreativkraft hinzugezogen. Eigentlich heißt dieser Roman nämlich "Lightning", also Blitz, bei Knaur wurde 1985 daraus "Der Blitz schlägt zweimal zu" (Knaur Kriminalroman Nr. 1358). Sinn? Weiß nicht. Goldmann erwies sich ja als Meister der subtilen Verschärfung der Titel: Aus "Widows" (Witwen) wurde "Schwarze Witwen", aus "Kiss" (Kuß) wurde "Todeskuß" - das konnte Ullstein jedoch auch, wie "Mordgespenster" als Übersetzung für "Ghosts" zeigt. Das ist allerdings ein ausgesprochen langweiliger deutscher Titel, besser sind doch da "Späte Mädchen sterben früher" (für "The Con Man" = Der Betrüger), ein erstaunlicher "Heißer Sonntagmorgen" (für "See Them Die" = Sieh sie sterben), "Selbstmord kommt vor dem Fall" (anstatt "Like Love" = Wie Liebe) oder "Stirb, Kindchen, stirb" (für "Lullaby" = Wiegenlied). Meine absoluten Favoriten sind allerdings: "Nackt ist die beste Maske" ("Lady Killer"), "Nackt aus dem Fenster" ("Hail, Hail, the Gang's All Here") und vor allem "Fahr langsam übers Massengrab" ("Hail to the Chief").
Pfui, wie man nur solchen Schund lesen kann!
Man kann - und wie. Um endlich wieder zum "letzten Sprint" zurückzukehren, die Romane um das 87. Polizeirevier sind sicherlich in erster Linie Unterhaltung, die zumeist intelligent ist. "Der letzte Sprint" ist wieder ein Highlight der schier unendlichen Serie - und wurde auch ziemlich schlecht fürs US-Fernsehen verfilmt.
Die Detectives haben es diesmal mit einem Mörder zu tun, der seinen Opfern - ausnahmslos jungen Sprinterinnen - das Genick bricht und sie dann an Laternenmasten aufhängt. Er läßt Carella und Hawes auch Informationen über die Opfer zukommen - und das in einer Art, die nicht nur die beiden unwillkürlich an den Tauben (siehe schon "Der Greifer", "Totes Ohr am Telefon") denken läßt. (Aber der kommt erst im nächsten Fall, "Acht schwarze Pferde", wieder zurück.)
Der zweite große Handlungsstrang dreht sich um einen Vergewaltiger, der seine Opfer mehrfach heimsucht. Annie Rawles von der Abteilung für Sexualverbrechen setzt Eileen Burke als Lockvogel für den Mann ein, der sie dann tatsächlich vergewaltigt.
McBain hat offensichtlich Spaß beim Konstruieren dieses neuen Krimis um die Detectives vom 87. Zwar kommt der Taube diesmal noch nicht, die Art, wie der "Blitz" mit den Beamten spielt, erinnert jedoch stark an ihn. Und ansonsten hat McBain das Bestangebot an bekannten Detectives aus anderen Revieren aufgeboten.
Fat Ollie Weeks darf sich wieder durchgranteln, -stinken und -nörgeln - und wenn nicht nach den Buchstaben des Gesetzes, so doch nach seinen eigenen den Fall mitlösen. Das verstärkt eigentlich nur seine unangenehme Aura bei Carella und seinen Kollegen. Sehr hübsch ist vor allem Ollies Nörgeln an "Polizeirevier Hill Street", die ihre erfundene (!) Stadt an seine wirkliche (!) Stadt und ihre Polizisten nach ihm bekannten echten Officern angelegt haben sollen. Isola ist ja auch nur eine alternatives New York, aber daß Fat Ollie Weeks sich gerade wegen Charlie Weeks (damals gespielt von Charles Hallahan), seinem Ebenbild in ein paar Folgen aufregt, ist schon niedlich. Ich weiß leider nicht, ob Ray Gaetano in der Serie schon seine Erfahrungen mit einer Perücke durchhatte, als McBain den Roman schrieb, hier muß sich jedenfalls der kahle Meyer Meyer dem Spott seiner Kollegen aussetzen. Und ob Howard Hunter etwa so klingt wie Evan Hunter (McBains richtiger Name)? Wenig später taucht auch noch eine Pizzeria Lombino (McBains Geburtsname war Salvatore A. Lombino.) auf. So bastelt man für Eingeweihte an der eigenen Legende.
Mit Annie Rawles taucht ein weiterer starker weiblicher Charakter auf, die die Aufklärung der Vergewaltigungsserie einem glücklichen Zufall verdankt.
Eileen Burke beginnt an ihrer Arbeit bei der Polizei - die meist darin besteht, als aufgedonnerter Lockvogel für Triebtäter zu wirken - zu zweifeln. Ihr Freund Bert Kling ist da nicht unbedingt eine Hilfe, fehlt ihm etwas das nötige Einfühlungsvermögen, so daß sie allein bleibt mit ihrem Trauma und den folgenden Selbstvorwürfen.
"Der letzte Sprint" ist streckenweise sehr amüsant, wenn es angebracht ist, jedoch auch ernst. McBain beginnt wenigstens eine kurze Diskussion (was hier bedeutet: zwei entgegengesetzte Polemiken und gibt dem Leser einen Anstoß, die Wahrheit irgendwo dazwischen zu suchen) über Abtreibungen, die den Schlüssel zur Aufklärung der Vergewaltigungsserie bietet. McBain hat viele Antworten, aber auch nicht auf alles. So spricht er vieles an, verschmilzt das Mosaik urbaner Anekdoten zu einem dichten, bunten Panorama, daß den Hintergrund für einen spannenden Kriminalroman bildet, der realistischer als viele seiner Krimikameraden ist.
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Lightning, © 1984 by HUI Corporation. Übersetzung von Wolfdietrich Müller (Knaur), neu bearbeitet von Uwe Anton (Bastei). Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach Oktober 1997, 350 Seiten, DM 9.90
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