ED McBAIN: "HITZE"
Kriminalroman aus dem 87. Polizeirevier
, gelesen von Andreas Hirn
Es ist wieder einmal Sommer in Isola, der fiktiven, New York so ähnlichen Stadt, in der Ed McBain seine Romane um das 87. Polizeirevier ansiedelt. Und passend zum Titel "Hitze" geraten auch die Gefühle mächtig in Wallung in dem reglosen, bleiernen Moloch, in dem die Detectives um Carella, Kling, Meyer, Brown, Hawes, Parker und Genero arbeiten.
Jeremiah Newman hat offensichtlich Selbstmord begangen. Seine Frau findet den Leichnam nach einer Dienstreise nach Los Angeles in der brütendheißen Wohnung schon halbverwest vor, im Bad fehlen in dem Fläschchen mit dem Schlafmittel Seconal alle Kapseln bis auf eine. Also ein Grund für die ermittelnden Detectives Carella und Kling den Fall schnell zu Akten zu legen: ein depressiver Alkoholiker, Künstler, der nie über den freiwilligen Tod seines Vaters hinweggekommen ist. Wenn da nicht Punkte wären, die nicht zum schönen Bild passen: Warum sollte Newman die Klimaanlage abgeschaltet haben, bevor er sich umbrachte? Warum nahm er, der jede Arzneimittel haßte, Schlaftabletten? Und als - wegen der Hitze und den steigenden Verbrechensraten erst sehr spät - der Laborbericht endlich fertig ist, ist es Gewißheit für die Detectives: Weder auf dem Thermostat noch auf dem Seconalfläschchen befanden sich Fingerabdrücke.
Nun gut, der Kriminalfall gibt diesmal nicht so sehr viel her. Auf der einen Seite weiß man eigentlich von Anfang an, wer mit dem Mord zu tun gehabt haben muß - und bei dem logischen Ed McBain trügt dieses Gefühl meistens nicht. Auf der anderen Seite verzögert sich die Aufklärung hauptsächlich dadurch, daß der "offensichtliche" Selbstmord auf der Prioritätenliste des Labors relativ weit unten steht und dadurch der Bericht erst ziemlich spät kommt, der den Beweis für einen Mord liefert. McBain wäre jedoch nicht McBain, gäbe es da nicht noch mindestens einen weiteren interessanten Nebenhandlungsstrang.
Der erste und wichtigste dreht sich um Bert Kling, der innerhalb der gesamten Serie ums 87. mit den Frauen nicht sehr viel Glück hat. Seine jetzige Ehefrau Augusta, ein Model, wurde ja bereits in der Hochzeitsnacht entführt (siehe "So lang ihr zwei noch lebt"). Nun hat Kling das unbestimmte Gefühl, daß in ihrer Beziehung nicht mehr alles so rund läuft wie früher. Das liegt nicht nur daran, daß Augusta und er nicht mehr so häufig miteinander schlafen wie vorher, sondern auch an einer geistigen Auseinanderentwicklung, daß beide nicht mehr die unbedingte Toleranz und das Verständnis füreinander aufbringen. Kling spricht über sein Mißtrauen nicht mit Augusta sondern tut, was er als Polizeibeamter tun muß (bzw. glaubt er daß), er beschattet seine Frau und findet bald heraus, daß sie einen Liebhaber hat.
In dieser Nebenhandlung fehlt es McBains Darstellung vielleicht etwas an Fingerspitzengefühl, ist sein Schreiben für meinen Geschmack etwas sehr wissend. Was bei dem Beschreiben der sozialen Verhältnisse gut ist, muß im zwischenmenschlichen Bereich nicht richtig sein, und auch McBain ist (noch) nicht Gott.
Schließlich dreht sich die Handlung noch um den Iren Haloran, der nach zwölf Jahren Haft wegen Mordes an seiner Frau aus dem Gefängnis entlassen worden ist und nun nach seiner Tochter sucht. Er fühlt sich nicht schuldig wegen seiner Tat, er hat seine Frau mit einem anderen im Bett erwischt - und da ist er durchgedreht. Seine Tochter will mit ihm nichts mehr zu tun haben, außerdem ist sie mit einem Afroamerikaner verheiratet. Haloran versteht die Welt nicht mehr, und so beschließt er den Polizisten, der ihn damals verhaftete zum Sündenbock für sein verpatztes Leben zu machen. Er geht auf die Jagd nach Bert Kling...
"Hitze" ist mittlerweile bereits der 35. Roman aus der Serie um das 87. Polzeirevier und war in Deutschland das erste von drei McBain-Büchern, das bei Knaur und nicht mehr bei Ullstein in der Erstausgabe erschienen. Er besitzt alle Vor- und Nachteile der Serie, aber McBain bewies später, daß er noch lange nicht in bloßer Routine steckengeblieben ist. "Hitze" ist spannend, die Methoden der Polizeiarbeit werden gewohnt realistisch geschildert. Mit knappen Worten gelingt es McBain ohne Probleme, die handelnden Personen so treffend zu charakterisieren, daß sie einem im Gedächtnis haften bleiben. Zwischen den "Aktionspassagen" tritt auch der Erzähler McBain deutlich hervor, der gerade heraus seine Meinung zu etlichen Mißständen der urbanen Wunderwelt äußert - oder auch zu bekannten (und nicht richtigen) Legenden aus der "normalen" Krimiwelt. Das ist nicht immer neu, macht aber eindeutig sehr viel Spaß und ist sehr unterhaltsam. Für die Serie zwar nur Durchschnitt, aber nichtsdestotrotz ein guter, handfester Krimi.
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Heat, © 1981 by HUI Corporation. Deutsche Übersetzung Christian Quatmann (Knaur), neu bearbeitet von Uwe Anton (Bastei-Lübbe). Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach April 1997 (Bastei-Lübbe-Taschenbuch 13853). 250 Seiten, DM 9.90
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