ED McBAIN: "ROMANZE"
Kriminalroman aus dem 87. Polizeirevier
, gelesen von Andreas Hirn
Ja, Mc Bain ist immer noch der Chef im Ring, nachdem er bereits seit 40 Jahren Romane um das 87. schreibt. "Romanze" ist das neueste auf deutsch erhältliche Buch der Serie, datiert aus dem Jahre 1995. Und McBain hat immer noch Meinungen, die er seinem Publikum kundtun muß. McBain ist der Chef, und er sagt uns, wie's ist.
Diesmal führt uns die Krimihandlung in die sumpfigen Gefilde der hehren Kunst. Frederick Corbin III., Ex-Cop und ernsthafter Schriftsteller, hat ein Theaterstück verfaßt, "Romanze", von dem er meint, daß es ein Riesenerfolg werden wird. Davon sind seine Mitarbeiter überhaupt nicht überzeugt und befürchten statt dessen einen Riesenflop. Die Hauptdarstellerin - eine echte Schönheit, nicht sonderlich talentiert und ehemaliger Kinderstar - Michelle Cassidy heckt deswegen mit ihrem Mann und Agenten Johnny einen klugen Plan aus, der ihr und dem Stück die nötige Publicity bringen soll: In dem Stück wird die Schauspielerin (anders wird sie nie bezeichnet) von einem Unbekannten niedergestochen. Warum sollte Michelle nicht dasselbe passieren? Johnny erledigt den Auftrag wunderbar, die Medien lieben Michelle und die Story. Aber irgendwie muß das jemand zu ernst genommen haben, denn Michelle wird Tage darauf tatsächlich mit 22 Messerstichen getötet.
Obwohl "Romanze" bereits der 46. Teil der Krimireihe um die Männer vom 87. Polizeirevier ist, merkt man dem Roman den Ehrgeiz McBains deutlich an, nicht in bloßer Routine zu erstarren, sich noch zu steigern. Kaum verhüllt tritt Ed McBain hinter den Zeilen hervor und macht sich seine Gedanken, so deutlich, daß es mich anfangs sogar störte, bevor die Konstruktion zu greifen begann.
Selten hatte ich bei einem Kriminalroman, der so deutlich Krimi ist und sein will, das Gefühl, daß doch vieles wichtiger ist als die äußere Handlung.
Ausnahmsweise ist einmal Bert Kling derjenige Polizist, auf den sich McBain konzentriert, nicht Carella. Kling und seine Anbändelungsversuche mit der Gerichtsmedizinerin und Deputy Chief Sharyn Crooke sind die große Nebenhandlung. In Klings weißem Kopf, in dem eher die Angst herumspukt, wegen des Ranewiesen zu werden als wegen seiner Hautfarbe und in Sharyns schwarzem Herzen, wo all die Angst vor der Zurückweisung der weißen Welt steckt, sind vielleicht weniger alltäglicher Rassismus von beiden Seiten als in ihrer Umwelt, wo man wieder stolz darauf ist, schwarz oder weiß oder grün zu sein. Ein amerikanisches Denken, das sich wieder unendlich weit vom Gedanken an den Schmelztiegel und die eine Nation entfernt hat, ein Denken, das zu seltsamen Blüten führt, wie uns McBain beweist - nicht zuletzt mit der Anzeige gegen Carellas taubstumme Frau Teddy, die nun tatsächlich nichts getan hat (außer vielleicht im falschen Moment weiß, Polizistenfrau und ein Auto zu haben).
Der Titel ist Programm: "Romanze" ist nicht nur der Name des Stücks und des Stücks im Stück, sondern die "Romanze" findet auf allen Ebenen statt. Soviel zur Rassenproblematik, Religionsvielfalt, Beziehung zwischen Kunst und Leben, Kunst und Krimi oder Krimi mit Kriminalfilm - um es auf McBain-Art zu sagen. McBain bestimmt, was und wie gespielt wird. Da kann er mitten im Dialog die Erzählperspektive wechseln, ständig Kommentare zum Stand der Dinge einflechten, Personen öfter auf ähnliche und sehr sarkastische Art und Weise einführen oder "Als sie an diesem Abend endlich allein im Bett lagen"-Abschnitte schreiben mit ambivalenten Dialogen, von denen man bis auf die letzten Sätze nicht weiß, wer sie führt und sichührt und sich so natürlich viele Deutungen anstellen lassen.
Besonders angenommen hat sich McBain aber dem Showbusiness, für das er fast nur bittere bis zynische Bemerkungen übrig hat, zu oft wohl ist er selbst enttäuscht worden (ob nun bei Verfilmungen seiner Romane oder der Arbeit als Drehbuchautor), hat sich scheinheilige Sensationsgier ein nicht im geringsten lebendiges sondern zutiefst naives Weltbild gebaut, in dem das wahre Leben keinen Platz hat. So verwundert es nicht, daß die Zweitbesetzung der Mörder ist, auch wenn sich McBain die letzte Konsequenz versagt, denn dann hätte der schlechte Schriftsteller Corbin der Mörder sein müssen. Kunst, die Leben imitiert, das Kunst imitiert.
"Aus einem Krimi kann man keinen seidenen Beutel machen", läßt McBain Michelle Cassidy an einer Stelle sagen. Und daran hält er sich. Er schreibt einen handfesten, schnellen und spannenden Krimi, der mit bekannten Motiven und Klischees spielt. Dessen ist sich der Roman jedoch wohltuend bewußt; der clever konstruierte Krimi strotzt vor Anspielungen und Querverweisen zum Serial um das 87. und das Genre insgesamt, ist authentische und lebendige Unterhaltung, wie man sie von McBain erwartet (und erwarten kann).
Hoffentlich noch lange nicht der letzte "Kriminalroman aus dem 87. Polizeirevier"!
--------------
Romance, © 1995 HUI Corporation. Übersetzung Uwe Anton, Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach (Bastei TB Nr. 13773) Juli 1996, 334 Seiten, DM 9.90
Mehr ED McBAIN bei ONE PLUS ONE
"Calypso" (Der 33. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"Eis" (Der 36. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"The Con Man"/"Späte Mädchen sterben früher" (Der 4. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"Hitze" (Der 35. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"Der letzte Sprint" (Der 37. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"Mordgespenster" (Der 34. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
"Schöne Bescherung" (non 87. Polizeirevier)
"Schwarze Wiwen" (Der 43. Roman aus dem 87. Polizeirevier)
Zurück zur Übersicht
Zurück zur Homepage