LES MARTIN: "DER KOKON"

Akte X Stories - Band 2


, gelesen von Andreas Hirn



"'Aber wenn man sich mit der Natur anlegt, hilft keine Gerechtigkeit der Welt mehr. In diesem Fall wird jeder bestraft.'" (S. 110)

Solche Weisheiten bekommt man nicht überall geboten. Gerade wenn es sich um die Reaktion auf das Finden einer ausgesaugten Leiche handelt. So handelt doch jeder normale Mensch! Wenn man solchen Flachsinn mit Genuß liest, dann hilft keine Medizin mehr. In diesem Fall unterhält man sich am nächsten Tag mit den Eiswürfeln in seinem Kühlschrank.
"Akte X" hat ja als Serie Kultstatus erreicht, vgs meint "bei der Cyber-Space-Generation" - allein deswegen sollte man schon die Finger von diesem grandiosen "Roman" lassen, der kein Roman ist. Sondern eine Erzählung - und kein besonders gute. Mit dürftiger Sprache ist eine dürre Adaption eines Drehbuches von Chris Carter entstanden, das seine besten Momente noch in den Dialogen hat (die wohl aus der Vorlage stammen dürften).
Schon die erste halbe Seite läßt einen vor Gruseln erzittern. "Der Wald stand in dichten Morgennebel gehüllt. Er waberte wie grauer Rauch..." Aha, ein interessanter Wald, denkt sich da der deutschen Sprache mächtige Leser. Sehr schön ist auch folgende Passage, die ein schreibender Anfänger nicht schlechter machen könnte: "Im Wald herrschte Totenstille. Der einzige Laut, der zu hören war, war das Quaken eines einsamen Laubfrosches." Abgesehen davon, daß die Charakterisierung des grünen Waldbewohners als einsam nicht gerade glücklich gewählt ist, kann es entweder still sein, oder ein Laut ist zu hören. Nicht beides. Wenn jemand, der es wert ist, sich Lektor zu nennen, das liest, sollte er einem das Manuskript um die Ohren hauen.
So schlimm geht es zum Glück nicht weiter, auf viel höheres Niveau begibt sich das Buch allerdings auch nicht. Mulder und Scully haben in ihrem neuen Fall das geheimnisvolle Verschwinden von 30 Holzfällern an der Pazifikküste zu untersuchen - die scheinbar von prähistorischen Milben dahingerafft wurden.
Bei einer Serie erwartet man nicht logische Schlüssigkeit bis ins Detail, man sollte die Handlung so dargestellt bekommen, daß man in dem Moment glaubt, die Wendung sei logisch. Das mag in der Folge funktioniert haben, bei einem Buch hat man jedoch wesentlich mehr Zeit nachzudenken und sein Tempo selbst zu wählen. So ist es zum Beispiel nicht so recht verständlich, weshalb Mulder die Idee, zum (möglicherweise) lebensrettenden Jeep zurückzugehen nicht schon eher kommt, bevor alle freiwillig eine Nacht in höchster Lebensgefahr verbringen.
Die Spannung ist manchmal etwas unbeholfen aufgebaut, wenn ein Überlebender zum Beispiel über mehrere Seiten hinweg erst essen und schwafeln und herumlaufen muß, bevor er das erzählt, was man wissen will - oder alle vom Weiterlaufen eines stotternden, ächzenden, brummenden usw. Generators abhängig sind. Sehr antiklimaktisch ist die tatsächliche Rettung von Mulder, Scully und einem Beamten der Bundesforstbehörde - die nicht im Wort geschieht, sondern in der Werbepause wie es scheint. Jedenfalls ist auf einmal alles gelaufen. Geklärt wird natürlich nichts, es bleiben halbgare unglaubwürdige Theorien (das starke spekulative Element stört mich auch in der Serie, wenn nur ein bißchen Haudrauf betrieben wird, ohne jemals die Absicht zu haben, etwas zu erklären) und phrasendreschende Streitgespräche über Ökologie und so etwas, wobei man natürlich sehr politisch korrekt vorgeht. Atmosphäre kommt nicht so recht auf, Spannung ebensowenig, die Charaktere werden kaum näher ausgeformt, die Konstruktion der Handlung bleibt letztlich unbefriedigend.
Ein schwaches Buch, das mit einigen leeren Seiten, großen Rändern und Zeilenabständen auf ca. 120 Seiten gedehnt wurde - und so im Hardcover stolze 18,- DM kostet. Wer sich "Akte X" auch neben den Fernsehterminen antun möchte, sollte sich die Folgen aufnehmen - sie nachzulesen lohnt sich nun wirklich überhaupt nicht.

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The X -Files - Darkness Falls, © 1995 by Twentieth Century Fox Corporation. Übersetzung Susanne Lück, vgs Verlagsgesellschaft, Köln 1995, 123 Seiten, DM 18.00

© 1997, 2006 by Andreas Hirn


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