ROSS MACDONALD: "DER MÖRDER IM SPIEGEL"
, gelesen von Andreas Hirn
"Der Mörder im Spiegel ist ein Buch nicht etwa an der Schwelle der Meisterschaft. Es ist das Buch eines Meisters." -- Norddeutscher Rundfunk
Neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler gilt Ross Macdonald (eigentlich: Kenneth Millar) als Hauptvertreter der "harten Schule" des Detektivromans. Sein Lew Archer schlittert mehr hinein in die Fälle, ist ein Arbeiter ohne geniale Eingebungen. In Macdonalds Romanen geht es meist recht kritisch zu, die Ermittlungen gleichen einem Lauf durch ein dichtes Dickicht von Korruption, Haß und Schuld.
"The Three Roads" (der Titel ist eine Anspielung auf die antike Ödipus-Tragödie), hier in einer Neuübersetzung vorliegend, datiert aus dem Jahre 1948 und kommt ohne den Macdonald P. I. Archer aus. Der Roman wurde noch unter Macdonalds richtigem Namen Millar veröffentlicht, hatte zu seiner Zeit jedoch wie die bis dahin erschienenen Millar/Macdonald-Werke wenig Beachtung gefunden. Zu unrecht, wie ich meine, es ist ein dichter, düsterer Krimi, der zu den besten Romanen des amerikanischen Autors zählt.
Der Marine-Lieutenant Bret Taylor ist nach dem Untergang seines Schiffes und dem Tod seiner jungen Frau Lorraine zusammengebrochen und liegt nun mit Amnesie in der psychiatrischen Klinik. Seine frühere Freundin Paula besucht ihn regelmäßig und versucht, ihm zu helfen. Als er beginnt, den Mörder seiner Frau zu suchen, droht alles um ihn herum zusammenzubrechen.
Da ist seine tote Mutter, die er mit gefalteten Händen auf einem Satinkissen fand, der Ex-Boxer Miles, der Lorraine gekannt haben muß, Paula, die mit Miles irgendwelche Geschäfte macht, seine fatale Alkoholsucht und ein Mann, der ihm von seiner eigenen untreuen Frau erzählt.
Bret kann keinem mehr vertrauen, noch nicht einmal sich selbst, denn die Vergangenheit seiner Erinnerung scheint nicht immer zuverlässig zu sein.
"Der Mörder im Spiegel" ist ein echter Roman noir. Der Schatten von etwas unbestimmtem, tragischem liegt von Anfang an über der Handlung. Im Bemühen, nur das beste zu tun, verstricken sich die Protagonisten nur weiter im Sumpf von Schuld, Erwartung, Wahrheit. Sie sind die Gefangenen in einem moralischen Labyrinth. Macdonalds Roman arbeitet präzise, seine Figuren sind soziale Wesen, die moralische Wertmaßstäbe verschieben müssen, trotz Bemühens mit ihren Problemen allein sind und keinen Ausweg aus der Nacht finden können. Ein beklemmender, stilsicher erzählter, atmosphärischer, Freudscher Alptraum.
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