ALEXANDER KRÖGER "MIMIKRY "
( Juni 1996, im Eigenverlag )
,gelesen von Andreas Hirn
Von Kir Bulytschow konnte man auf dem Elstercon erfahren, wie Bücher in Rußland aussehen müssen, damit sie Erfolg haben. So wie die Heyne-Ausgabe von "Überlebende " jedenfalls nicht. Das Werk muß ein Hardcover sein, mit glänzendem Umschlag und einer nackten Frau mit Pistole vorn drauf. Tja, da hat Alexander Krögers neuer Roman dort schon eher Chancen, hier wird es eh kaum jemand kaufen - trotz der Nackten auf dem Umschlag und des im Vergleich zum vor einem Jahr erschienenen "Vermißt am Rio Tefe " deutlich professionelleren Aussehens des Buches.
Wie schon bei seinem Vorgänger steht deutlich "Science Fiction Roman " auf dem Cover, aber so richtige SF ist es nicht. War der "Rio Tefe " eher ein klassisches Abenteuer, so ist "Mimikry " ein traditioneller Krimi.
Die Wissenschaftlerin Ursula Brest hat eine Maschine zur Gestaltwandlung von Menschen erfunden, doch dann Angst vor der Macht ihrer Entdeckung und ihrem skrupellosen Firmenchef bekommen und verschwindet, wie sie hofft, spurlos.
Ihre Flucht führt sie in das kleine thüringische Falcha, wo sie unter dem Namen ihrer Schwester, Frauke Merkers, auftaucht und in einem kleinen Pflanzenzuchtbetrieb arbeitet. Sie freundet sich schnell mit den Menschen dort an, doch es kommt, wie es kommen muß: Ein Detektiv und ein Schläger aus ihrer früheren Firma finden und bedrohen sie handgreiflich.
Die große Chance zum Entkommen bietet sich jedoch schnell. Als ihre Freundin Nicole mit einem westdeutschen Unternehmensberater durchbrennt, wandelt Ursula Brest ihr Gesicht in das der Freundin um und lebt fortan deren Leben. Und niemand schöpft Verdacht, bis...
Nachdem sich der Leser durch etliche sehr lange, wenig zusammenhängende, krude Sätze hindurchgekämpft hat, läßt sich das Buch ganz spannend an, ohne freilich an irgendeiner Stelle überraschend zu sein. Kröger ist in dieser Hinsicht ein sehr solider Handwerker, der seine Geschichten (wenn schon stilistisch manchmal auf keinem besonders hohen Niveau so doch) spannend zu erzählen weiß.
Abgesehen von der, wie ich finde, recht gelungenen Schilderung der verschlafenen Nachwende-Kleinstadt, bemüht Kröger entschieden zu viele Klischees: Die gute Frau wird vom bösen Boß gejagt, der Detektiv, der der Brest geistig recht nahe zu stehen scheint, entdeckt ohne große Mühen Kleinigkeiten, die den anderen Profis natürlich entgangen sind. Der gedungene Schläger muß schön brutal sein, nach außen freundlich und dann gemein zuschlagen. Der kleine Chef des Pflanzenzuchtbetriebes ist ein Angeber, die Gemeindeschwester Kracht eine echte Seele, Nicole der muntere, junge, dynamische Kumpeltyp und Erwin, Ursulas späterer Liebhaber, der sympathische Vorzeige-FDJler aus früheren Tagen (will sagen: kreativ, witzig, charmant und einer, auf den man sich verlassen kann).
Genauso zeugt die Idee des einfachen Untertauchens mit dem alten DDR-Personalausweis von soviel Naivität wie das einzige SF-Element: der Gestaltwandler. Nicht einmal im Ansatz ist klar, wie der Wunderapparat funktionieren soll. Ist ja auch völlig schnurz, ich weiß... Aber so etwas zieht sich durch das gesamte Buch: Mit einem neuen Gesicht werde ich nämlich nächste Woche als Helmut Kohl auftauchen (muß ich noch ein bißchen mehr essen), drei Tage ein wenig heiser sein, weil meine Stimme nicht wie seine klingt, und dann wird keiner den Unterschied merken. Oder ich tauche in den Wohnungen von Bekannten auf (wo ich keinen Grund habe, einen Schlüssel zu besitzen), und ziehe bösen Vergewaltigern das Bügeleisen über den Schädel, vielleicht ein schweres gußeisernes (weil ich nicht soviel Kraft habe). Ein Toter mehr, na und?
Der schmale Roman ist unterhaltsam, ja, seicht, unterhaltsam, läßt sich schnell und mit einigem Vergnügen weglesen, mehr erwarte ich auch gar nicht.
Obwohl es schon schade ist, daß Kröger, der laut Klappentext "stets in seinen Büchern hintergründig ... den Leser zum Nachdenken [anregt] über Gegenwärtiges und insbesondere, dem Genre geschuldet, über die Verantwortung der Wissenschaftler ", sich wenig Gedanken macht um die Hintergründe seiner Geschichte. Man liest sicherlich schnell heraus, daß ein Wissenschaftler verantwortungsvoll sein muß und vorausschauend - aber es ist zu dick aufgetragen, als das man sich hinterher länger mit dieser Frage beschäftigen kann. Zu viele andere haben das Thema schon interessanter und tiefgründiger angepackt. Auch die Möglichkeit des neuen Lebens mit einem "anderen Gesicht ", die "zweite Chance ", nutzt Kröger nicht (außer für die Thrillerhandlung). Selbst in einem kurzen Liedtext ist es möglich, da erstaunliche Dinge zu vollbringen - ich erinnere mich da zum Beispiel an Lou Reeds "Harrys Circumcision ".- Das neue Gesicht Ursula Brests bedeutet für sie nur eine Verkleidung, hinter der sie niemand erkennen wird, und dafür arbeitet sie auch hart im Nachahmen. Freilich ist sie - wie am Schluß deutlich gesagt wird - dieselbe geblieben ( "Es ist doch nur das Gesicht", S.167), aber irgendwelche Probleme oder Chancen des "neuen Ich " werden fast völlig ausgespart.
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Mimikry, © 1996 by Susanne Routschek Eigenverlag Krögervertrieb Cottbus. ISBN 3-9804867-1-0. Printed in the Czech Republic. Umschlagentwurf: A. Kröger. 167 Seiten, ca. 10.90DM
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