ELIZABETH HAND "DIE MONDGÖTTIN ERWACHT"
(Heyne 06/5626)
, gelesen von Andreas Hirn
Washington, D. C., Universität der Erzenengel und des Heiligen Johannes des Göttlichen - oder einfach nur "die Göttliche". Im September 1975 kündigen sich hier rätselhafte und unerklärliche Dinge an. Die feenhafte Sweeny beginnt ihr Studium, lernt den wunderschönen Oliver und die nicht minder aufregende Angelica kennen. Die drei rücken ins Zentrum der Vorkommnisse um das Zeichen, welches die zweite Heraufkunft ankündigt. Die Bruderschaft der Benandanti, Magier und seit Jahrtausenden im Untergrund wirkend, scheinen etwas von ihrer Macht zu verlieren, als ihr abtrünniges Mitglied, die berühmte Archäologin Magda Kurtz, Angelica einen kultischen halbmondförmigen, leider nicht ganz vollständigen, Anhänger schenkt, da sie Angelicas Gesicht im Zusammenhang mit der Wiederankunft der Göttin gesehen hat.
Im Verlaufe des ersten Teiles stirbt Oliver, Sweeny wird von der "Göttlichen" verwiesen, und Angelica verschwindet nach einem blutigen Ritual in Europa.
Die Zusammenfassung hört sich verwirrend, unverständlich (Der Titel selbst beinhaltet eigentlich schon sehr treffend den Inhalt.) und nicht sonderlich spannend an, zumindest letzteres ist es jedoch ganz gewiß. Trotz der 750 Seiten Länge kann man den Roman in einem verschlingen. Die kunstvoll gesponnene Handlung hält immer wieder in phantasievoll gestalteten ornamentalen Szenen inne, die einfach faszinierend sind, bevor sie in einem in jeder Hinsicht befriedigenden Finale kulminiert. Vielleicht nur soviel, das neue Zeitalter des Matriarchats, das nach der Ankunft der Göttin begonnen werden soll, ist nicht gerade friedlich und auch nicht gerade das, was man aus feministischer Sicht erwarten würde.
Dieser Hintergrund liegt vor allem in alten antiken Überlieferungen und Interpretationen der damaligen Religionen. Hier hat Elizabeth Hand sehr gut recherchiert und eine stimmige Fabel erfunden, der matriarchalische Hintergrund ist aber kein Diskussionsthema für das Buch, sondern ein Element, das eindeutig der unterhaltenden Seite untergeordnet ist.
"Die Mondgöttin erwacht" gewann 1996 den James Tiptree jr. Award (gemeinsam mit Theodore Roszaks "The Memoirs of Elizabeth Frankenstein") und den Mythopoeic Award, war 1995 für den World Fantasy Award nominiert (den wohl keine "echten" Fantasy-Romane mehr gewinnen, 1994 war es Lewis Shiners bemerkenswertes "Glimpses" , 1996 Christopher Priests "The Prestige", die meiner Meinung nach nicht ins Genre gehören), 1996 für den Bram Stoker Award und gewann im gleichen Jahr bei der Locus-Wahl des besten Fantasy-Romans immerhin den zweiten Platz (hinter Orson Scott Cards "Alvin Journeyman").
Das Buch ist eine Mischung aus Urban Fantasy, Gothic Horror, Thriller, Liebesgeschichte. Alles in allem sehr anregend. Ist im ersten Teil die okkulte Dark Fantasy-Komponente noch beherrschend, verschiebt sich das Gewicht später ins ernsthaftere. Auch die extrentischen Charaktere vom Anfang, die zwar eindrucksvoll sind, jedoch zu eher Erscheinungen gehören, die Auftritte haben, bekommen im Laufe der Zeit mehr Gewicht, obwohl Elizabeth Hand hier Klischees nicht um jeden Preis vermeidet. Ähnlich wie bei Dan Simmons macht ihr kraftvoller Stil, das präzise Timing und hervorragende Gefühl für Orte das mehr als wett, läßt einen eigentlich nur gespannt auf die nächste Wendung warten.
Sehr gelungen ist die Darstellung der Katherine Sweeny Cassidy, die als Ich-Erzählerin auftritt (zwischendurch sind immer wieder Einsprengsel in personaler Erzählweise enthalten, die die Spannung vorantreiben) und uns zunächst als verunsichertes Mädchen begegnet, das erste Mal wirklich von zu Hause weg und eingeschüchtert von dem ihr nicht vertrauten Ablauf an der "Göttlichen". Tatsächlich ist die Beschreibung der Universität im Schatten des Schreins, mit ihren gotischen, kühl-vornehmen Häusern, bewacht von blinden, geschlechtslosen Steinengeln im höchsten Maße realistisch, so daß man sich nach einiger Zeit immer mehr zu fragen beginnt, ob es die "Göttliche" nicht vielleicht wirklich gibt und man nur nichts davon weiß. Daß Sweeny schnell "dazu gehört", hat sie ihren Freunden Oliver und Angelica zu verdanken, die jedoch nur Figuren in einem größeren Spiel sind. Sweeny ist da lediglich eine Art Katalysator, in dieser Rolle erfrischend menschlich und natürlich. Ihre Schilderung ist angenehm feminin, auch als gereifte Frau im abschließenden dritten Teil ist sie das einfache Mädchen geblieben, daß gezwungenermaßen seinen Frieden mit ihrer Vergangenheit geschlossen hat. Aber dann kommen die alten Geister wieder und mächtiger denn je...
Die Handlung hat zu Beginn des dritten Teils einen kleinen Durchhänger, da Elizabeth Hand hier viel vom Hintergund der weiblichen antiken Religion erklärt, vom neuen Kult der Göttin. In nahezu Lovecraftscher Manier vom unheilvollen Klang dunkler Namen angezogen, verschmelzen die sorgsam ausgesuchten Ingredentien der phantastischen Handlung zu höchst faszinierender, vorzüglicher Unterhaltung.
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Waking the Moon, © 1995 by Elizabeth Hand. Übersetzt von Norbert Stöbe, Hardcover-Taschenbuch, 750 Seiten, DM 19.90
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