JAMES GUNN (HG.) "VON MALZBERG BIS BENFORD"

(Heyne 06/99)


, gelesen von Andreas Hirn



Im deutschen nimmt die herausragende Reihe "Wege zur Science Fiction" 10 Bände ein, im amerikanischen Original nahm sie ganze vier ein. Angefangen von den fürs Genre requirierten klassischen Phantasien wie das Gilgamesch-Epos oder die Lukian-Geschichten stellte Literaturprofessor James Gunn eine höchst interessante und lesenswerte Sammlung der SF von den Anfängen bis heute (d. h. Ende 70er, Anfang 80er; wo die Anthologien in den USA erschienen). Da macht auch der letzte Band keine Ausnahme, zeigt deutlich die gewachsene Vielfalt des Genres. Die Autoren und die ausgewählten Kurzgeschichten werden in fachkundigen Artikeln kurz vorgestellt und eingeordnet. Muß man jedem Fan empfehlen!

Barry N. Malzberg "Abkopplung" (Uncoupling, übersetzt von Erik Simon)
Eine äußerst gelungene Eröffnungsgeschichte. In einer vollbürokratischen, dystopischen und fünffach überbevölkerten Welt kommt der Ich-Erzähler in einen überdimensionierten Nachfolger heutiger Bordelle, die sogenannten Türme, um sein monatliches Quantum an "normativem Heterosex" zu bekommen. Obwohl er anfangs durchaus mit dem System unzufrieden ist, befreit ihn der lustlose Sex erst einmal von gefährlichen Gedanken.
Trotz der Ich-Erzählung ist der Blick auf die Geschehnisse (und sogar auf den Protagonisten selbst!) eher nüchtern-distanziert. Der Eindruck verstärkt sich noch durch Wortwahl und Satzbau. Zum in lakonischen Sätze gepackten Sarkasmus gesellt sich eine spröde Art Ästhetik: Sei es die Ersetzung von Kommunikation durch formelhafte Floskeln, die Verwendung der französischen Sprache oder die hintersinnige Gestaltung des Weges des Protagonisten durch den Turm.

Michael Bishop "Die Verwandlung" (Rogue Tomato, übersetzt von Andreas Brandhorst)
Philip K. verwandelt sich plötzlich in eine planetengroße Riesenmutantentomate, philosophiert über Gott und die Welt und wird selbst zu einer Art Jesus Christus, als sein Leib verspeist wird und er in einen neuen extrauniversalen Zustand übergeht.
Ich gebe zu, diese surrealistische Geschichte war mir zu hoch. Was anfangs an Kafkas "Verwandlung" erinnert (der Name Philip K. [Dick] an den "Prozeß"), dreht bald in menschheitsbewegende religiöse Überlegungen ab. Die in viele winzige Kapitel unterteilte Geschichte ist voll von Anspielungen und Querverweisen zu Geschichte, Kultur und Religion, die Sprache gepflegt, aber schön, altmodisch.

George R. R. Martin "Dieser Turm von Asche" (This Tower of Ashes, übersetzt von Erik Simon)
Jamisons Welt ist ein wilder Planet, die irdischen Siedler leben auf Inseln und meiden den einzigen Kontinent. Ein Jäger, der gleichzeitig der Ich-Erzähler ist, lebt hier und vermeint Anzeichen einer fremden Zivilisation entdeckt zu haben. Eine Nacht führt er seine Ex-Frau Crystal und ihren neuen Liebhaber Gerry durch den kontinentalen Wald, dessen Schönheit der kalte Gerry nicht sehen will. Nachdem er sich im Netz der Traumspinne verfangen hat, rettet ihn der Jäger, wird dabei aber selbst gebissen. Crystal und Gerry pflegen ihn gesund, bevor sie ihn verlassen.
Martin ist ein Autor, der ungeheuer stimmungsvoll erzählen kann, seine Texte haben oft einen melancholischen Grundton. So sind es hier auch Liebe und Einsamkeit, die neben der Faszination des fremden Lebens die Atmosphäre bestimmen. Eine phantastische, feinnervige Mischung aus klassischem SF-Thema und klassischem Dreieckskonflikt.

Edward Bryant "Teilchentheorie" (Particle Theory, übersetzt von Erik Simon)
Der Weltuntergang. Es beginnt im zeitlichen Ablauf harmlos, Rigel wird zur Supernova, dann explodieren gegen jede Wahrscheinlichkeit immer mehr Sonnen, in immer größerer Nähe zur Erde. Während im Makrokosmos die Apokalypse hereinbricht, kommt sie im Mikrokosmos für den Wissenschaftsjournalisten Richmond, der an Prostatakrebs erkrankt und dessen Frau bei einem Flugzeugabsturz verunglückt.
Edward Bryants fesselnde Erzählung bringt das seltene Kunststück fertig, harte Wissenschaft mit dem menschlichen Innenleben zu verbinden. In der Konstruktion ständig wechselnder Zeitebenen entwickelt sich der Schrecken langsam, entstehen Zusammenhänge. Sehr gut! Malzberg zählt die Geschichte zu den zehn besten SF-Stories überhaupt.

Joan D. Vinge "Blick aus der Höhe" (View From a Height, übersetzt von Erik Simon)
In Tagebuchform erzählt die erste (und hoffentlich letzte) Interstellarastronautin von ihrer Reise. Sie ist mit einer kompletten Immunschwäche geboren worden, hat immer separiert gelebt - damit sie mit keinem Krankheitserreger in Berührung kommen konnte. Deswegen ist sie wohl in den 20 Jahren bis zur 1000 AE-Marke nicht verrückt geworden in ihrem sterilen Gefängnis. Und nun erfährt sie, daß ihre Krankheit doch heilbar ist, sie nun auf der Erde hätte ein normales Leben führen können. Sie gerät in eine tiefe Selbstkrise, die sie jedoch überwinden kann. Joan D. Vinge erzählt die Geschichte ruhig, mit viel Einfühlungsvermögen. Der Charakter der Astronautin ist glaubwürdig gestaltet, Vinge gleitet nicht - in sich anbietende - Selbstironie ab.

George Zebrowski "Der Wortkehrer" (The Word Sweep, übersetzt von Erik Simon)
Ich mag Geschichten, an deren Anfang eine wunderschöne, absolut phantastische Idee steht, die nicht auf SF hinauslaufen kann, sondern auf eine moralische oder philosophische Diskussion. Hier materialisieren die gesprochenen Worte zu riesigen Müllbergen, so daß die Welt wieder stumm geworden ist, nun aber zwei Nachfahren der Müllmänner, nämlich "Wortkehrer", vielleicht eine Möglichkeit finden, die Materieworte zu vermeiden. Zebrowskis Geschichte ist intelligent, stellenweise sehr amüsant und absurd.

Ian Watson "Die World Science Ficton Convention von 2080" (The World Science Ficton Convention of 2080, übersetzt von Walter Brumm)
Hundert Jahre in der Zukunft wird die SF also immer noch gefeiert, sind die Worldcons noch in ihrer heutigen Tradition erkennbar, nur ist die Welt (Wie war das? Alles in der Geschichte wiederholt sich?) wieder in tiefe Barbarei zurückgefallen. Gunn beschreibt die Story völlig richtig als "wundervoller Klamauk", letztlich ist sie nach ein paar Lachern harmlos.

Carol Emshwiller "Abscheulich" (Abominable, übersetzt von Erik Simon)
In einer möglichen Zukunft sind die Frauen verschwunden, und Männerexpeditionen suchen nach ihnen wie nach dem Yeti. Carol Emshwiller fällt sowohl durch ihr Alter (ca. 20 Jahre älter als der Rest), ihr "frühes" Anfangen mit Story-Veröffentlichungen (schon Mitte der 50er) als auch durch die Art ihres Schreibens aus dem rahmen dieser Sammlung. Vorliegende Kurzgeschichte ist vielleicht für sozio-psychologisch Interessierte ein Glücksfall, die meisten anderen werden ihr recht unverständig begegnen.

Gregory Benford "Belichtungen" (Exposures, übersetzt von Susi-Maria Roediger)
Ein Astronom stößt im Computer auf Galaxisbilder, die da gar nicht hingehören. Erst nach und nach erkennt er den Zusammenhang mit seiner eigenen Forschung. Und die Gefahr für die Erde - denn ein schwarzes Loch, aus dem Galaxiszentrum geschleudert, bewegt sich auf uns zu.
Benford ist von Hause aus Physiker, was man ihm auch deutlich anmerkt. Mir gefällt seine Prosa nicht sonderlich. Auch in dieser - für seine Verhältnisse sehr gelungenen - Kurzgeschichte erdrückt er eine ganz interessante Idee in behäbigem Handlungsaufbau, für den Laien zu komplizierten Facherklärungen und überhaupt einem Handlungsfaden, der das Wort gar nicht verdient. Astronom forscht und entdeckt, erinnert sich zwischendrin immer wieder an mehr oder weniger wichtige Dinge aus dem Privatleben und muß seine wissenschaftliche Gründlichkeit überwinden, die seiner Phantasie Einhalt gebietet. Bei Benford wirken wie meist die persönlichen Passagen steif und recht leblos, gleichwohl gut beobachtet und manchmal in erinnerungswürdige Bilder gekleidet, und erwecken den Anschein eines Alibis für die Idee, so daß man sich davonstehlen kann, ohne die Story richtig lebendig zu erzählen.


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