BILL GRANGER: "MITTEN IM WINTER"

(Ullstein Kriminalroman 10689)


, gelesen von Andreas Hirn



"'Es ist eine lange, traurige Geschichte, wie alle Cop-Stories, und sie hat auch ihre komischen Episoden...'" (S. 160)

Das Bild des "guten Polizisten" ging in der amerikanischen Kriminalroman in den 70ern unter, als andere Formen als die von McBain beeinflußte police procedural aufkamen - mit unschönen Erinnerungen ausgeschiedener Polizisten und fictions eines Joseph Wambaugh oder James Ellroy, wo Cops mit all ihren Neurosen und Psychosen im Mittelpunkt standen, die nur noch wenig dem Bild des aufrechten Gesetzeshüters entsprachen.
Bill Granger ist Journalist bei der Chicago Tribune, und "Mitten im Winter" ist sein vierter Chicago-Krimi, der ein ungeschöntes Bild vom Krieg zwischen den Gesetzeshütern und den Kriminellen auf der Straße aber auch in den Reihen der Staatsbehörden entwirft. Damit steht Granger in realistischer amerikanischer Erzähltradition und führt den Grundtenor der hard boiled school weiter. Keine seiner Figuren hat etwas Heldenhaftes an sich, sie suchen nach ihrem Vorteil, möchten wenigstens einen Teil ihres eingestürzten Weltbildes behalten.
An einem Mittwoch Nachmittag wird die Studentin Mary Jane Caldwell in einer Station der El, der städtischen Hochbahn, brutal vergewaltigt.
Am Freitag derselben Woche wird in der El der Anwalt Mark Cutler überfallen und beraubt. Wenig später überfallen die Täter auch ein Schwulenpaar und töten einen der beiden.
Der bei seinem Boß (und nicht nur dem) unbeliebte Terry Flynn übernimmt den Fall und legt sich sofort mit einem Kollegen an, der das Verbrechen als "Schwulen-Mord" abtun will. Flynn ist ein Wühler und Beißer. Er hat eigene Vorstellungen von Gerechtigkeit, so daß er sich nicht immer haargenau an die Buchstaben des Gesetzes hält. Manchmal fällt es ihm schwer, die nötige Distanz zu wahren - und auch einmal nachzugeben, was ihm Schwierigkeiten mit jeder Form von Autorität bringt. Hier setzt sich Flynn mit seiner ganzen Kraft ein, denn der Fall ist klar, er hat einen Zeugen, und er muß den Mörder schnell schnappen. Er möchte nicht, daß seine Kollegen den Fall nicht mit der gleichen Härte verfolgen wie er.
Sein mangelndes Vertrauen bestätigt sich später, denn obwohl er den Mörder erwischt, taucht plötzlich die DEA auf und beginnt, aus den Opfern plötzlich Täter zu machen.
Flynns Freundin Karen Kovac, die einzige Frau in der Mordkommission Chicagos, ermittelt in Mary Jane Caldwells Fall, kann ihr jedoch wenig helfen. Nachdem sie den falschen Mann verhaftet hat und Mary Jane ihn identifizierte, hat der Fall vor Gericht keine Chancen auf Erfolg, selbst sollte man den wirklichen Vergewaltiger finden. Mary Janes heile Welt hört auf zu existieren, sie wird mit dem Trauma nicht fertig, flüchtet sich in einen dunklen Alptraum, in dem ihre Pistole ihr einziger Freund ist.
Die urbane Welt, die Bill Granger beschreibt, ist nicht schön. Sein Roman ist illusionslos und dreckig. Polizisten und Staatsanwälte werden von Eigendünkel, politischen Intrigen, eigenen Gerechtigkeitsvorstellungen und Vorurteilen gelenkt. Granger verwendet viel Slang in den Dialogen, die schnell und überzeugend gestaltet sind. Ein Großteil der eigentlich "good guys" ist rassistisch, sexistisch und homosexuellenfeindlich eingestellt.
Bill Granger nimmt hier sprachlich kein Blatt vor den Mund, was seinen Roman sehr hart macht. Gerechtigkeit scheint kaum Aussicht auf Erfolg zu haben. Die Charaktere sind plastisch gestaltet - mit all ihren Fehlern, so sind sie angenehm menschlich, obwohl man sich mehr als zweimal überlegt, ob man einen von ihnen kennen will. Der Stil ist prägnant, Granger bezieht seinen Realismus nicht nur aus der genauen Kenntnis der menschlichen Psyche und der Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft, sondern auch aus der genauen Benennung der Gegenstände und Orte. Seine Sätze sind oft stakkatoartig kurz und kraftvoll. Es geht Granger nicht um einen ausgeklügelt konstruierten Kriminalfall, sondern um die Darstellung der Wirklichkeit in der Arbeit der Chicagoer Polizei und der Probleme mit der Kriminalität, die jeder einzelne Bürger hat, sowie um die Schwierigkeiten eines Systems, sich selbst zu reinigen und funktionsfähig zu erhalten. Auf die gesellschaftlichen Ursachen der Kriminalität, wie sie zum Beispiel Sjöwall/Wahlöö zeigten, geht Granger nicht ein. Keine leichte Lektüre, aber eine lohnende.

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The El Murders, © 1987 by Granger & Granger Inc. Übersetzung Christel Mertens, Ullstein Verlag, Frankfurt/M. - Berlin Juli 1991, 272 Seiten, DM 19.80


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