SUE GRAFTON: "D WIE DROHUNG"
Ein Kinsey-Millhone-Roman
, gelesen von Andreas Hirn
Als Privatdetektiv sollte man immer mißtrauisch sein und niemandem vertrauen. Zum einen macht Vertrauen abhängig und Abhängigkeit angreifbar und schwach, zum anderen kann einem Mißtrauen einen Batzen Geld sparen. Das muß auch Kinsey Millhone erkennen. Hinterher ist man immer schlauer, und man kann sagen, man hätte es ja ohnehin gewußt.
Der Mann, der ihr Büro am Samstag betritt, ist etwa fünfzig, hager und ein wenig schäbig. Er stellt sich als Alvin Limardo vor und bittet Kinsey, einem fünfzehnjährigem Jungen namens Tony Gahan einen Barscheck über fünfundzwanzigtausend Dollar zu überbringen. Kinsey ist gleich mißtrauisch, die Geschichte, die ihr Klient erzählt, hört sich jedoch gerade verrückt genug an, um wahr zu sein. Als der Vorschußscheck platzt, muß Kinsey schon aus Selbsterhaltungstrieb (nichts ist tödlicher für einen Privatdetektiv, als den Ruf zu haben, sich leicht übers Ohr hauen zu lassen) Alvin Limardo finden.
In Los Angeles erfährt sie, daß sein wirklicher Name John Daggett ist. Sie trifft seine Frau Lovella, die er sofort nach seiner Haftentlassung sechs Wochen zuvor geheiratet hat. Wieder in Santa Theresa trifft Kinsey eine zweite Mrs. Daggett, die auf ihren Angetrauten nicht sonderlich gut zu sprechen ist. Wenigstens erfährt sie, weshalb Daggett im Gefängnis gesessen hat: Betrunken hatte er einen Autounfall, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen, zwei davon Kinder. Darunter Tony Gahans Eltern und Schwester. Bald ist auch John Daggett tot, betrunken aus einem gestohlenen Boot gefallen und ertrunken.
Kinseys moralische Vorstellungen tendieren eher dazu, seinen Tod als ausgleichende Gerechtigkeit zu sehen. Als sich der vermeintliche Unfall dann doch als Mord herausstellt und sie von Daggetts Tochter Barbara für die Aufklärung engagiert wird, erwachen ihre Jagdinstinkte. Fast wie in einem rabenschwarzen Cornell Woolrich-Krimi scheint das Motiv in der Vergangenheit bei Daggetts unseligem Autounfall zu liegen, und Kinsey findet jede Menge verdächtige Blondinen, welche die Frau sein könnten, mit der John Daggett in seiner Todesnacht gesehen wurde.
Kinsey Millhone, weiblicher Privatdetektiv, zweiunddreißig, zweimal geschieden, alleinstehend, Ex-Polizistin und Versicherungsdetektivin, außer für besondere Einsätze mit ihrem Für-alle-Fälle-Kleid immer in Sweat- beziehungsweise T-Shirt, ausgewaschenen Jeans und Stiefeln gekleidet, ist das Gegenstück zu den harten Detektiven in der Tradition eines Phil Marlowe, Sam Spade oder Lew Archer. Besonders der Schatten des letzten fällt über sie, denn Sue Grafton hat einige Motive Ross Macdonalds was den Einstieg für den Detektiv und auch die Aufklärung des Falles, der ganz harmlos beginnt und dann doch im Mord endet, betrifft, übernommen und weiterentwickelt. Auch Kinsey Millhone ist eine harte Arbeiterin, nicht der scharfsinnige Denker, der Marlowe bei allen anderen Qualitäten in seinen genialen Momenten ist, sondern eher der Terrier-Typ, der seine Fälle durch ausdauerndes Auf-den-Busch-Klopfen löst.
Kinsey hat das Herz auf dem rechten Fleck, liebt ihre Unabhängigkeit und ist eine scharfe Beobachterin. Entsprechend gepfeffert ist der Stil, den Sue Grafton für ihren Roman verwendet. Gerade in den Vergleichen kann ihre Kreativität es mit der eines Raymond Chandlers aufnehmen, neben allem Sarkasmus ist sie auch in der Lage, in ernsten Situationen Absurdes zu entdecken, was John Daggetts Beerdigung zur wahrscheinlich besten Szene des gesamten Romans macht. Leider erkennt man auch ohne die amerikanische Vorlage, daß die Übersetzerin Dagmar Hartmann keinen besonders guten Tag erwischt hat.
Mal sehen, wie sich die Beziehung mit Jonah, dem Cop aus der Vermißtenabteilung der Santa Theresa Police, entwickelt, den Kinsey in "B wie Bruch" kennengelernt hat. Er lebt wieder mit seiner Frau Camilla zusammen, scheint damit aber weit weniger gut zurechtzukommen als vorher, als sie ihn verlassen hatte, was Kinsey und ihn jedoch nicht abhält, eine Affäre zu beginnen.
Die Kinsey-Millhone-Romane sind mit Sicherheit eine Bereicherung der modernen Krimi-Szene. Wenn Sue Grafton ihre Art der Fallaufklärung ändern würde, wäre ich restlos begeistert. Irgendwie sind die Zeiten der seltenen tropischen Zierfische, die Chandler erwähnte, doch nicht vorbei. Man kann sich nicht auf die grundlegenden Informationen für den Fall verlassen, denn die sind meist falsch, damit die wohl Sue Graftons Meinung nach verblüffendste Lösung (die man als Leser eigentlich schon wegen mangelnder Plausibilität aussortiert hat) noch ein wenig gefestigt werden kann, ohne daß sie auch hier alle logischen Löcher stopfen kann. Schade eigentlich.
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D is for Deadbeat. © 1987 by Sue Grafton. Verlag Ullstein GmbH Frankfurt/M-Berlin (Ullstein Kriminalroman Nr. 10560) 1988. Übersetzung von Dagmar Hartmann. 189 Seiten, DM 8.80
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