SUE GRAFTON: "B WIE BRUCH"

Ein Kinsey-Millhone-Roman


, gelesen von Andreas Hirn


Über alte Zeiten kann man immer so schön heulen und nostalgische Erinnerungen hervorkramen. Was waren das zum Beispiel noch für Zeiten, als Ullstein seine wirklich hervorragende Krimi-Reihe hatte: Robert B. Parkers "Spenser"-Romane erschienen hier erstmals auf deutsch, James Ellroy ("Stadt der Teufel"/"L.A. Confidential", die Lloyd Hopkins Romane) wurde neu- und Geoffrey Homes ("Goldenes Gift") wiederentdeckt, Ed McBains wunderbare Romane aus dem 87. Polizeirevier (und nicht nur die) wurden hier veröffentlicht, die eindrucksvollen dreckigen Chicago-Polizeiromane von Bill Granger kamen ebenso heraus wie Loren D. Estlemans Amos Walker-Bücher. Ach, da kann einem richtig wehmütig werden. Die Nachfolge eines Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Ross Macdonald konnte man in den erst gelben oder weißen, später bunten dünnen Bänden ganz in sich aufsaugen.
Sue Graftons Reihe um die weibliche Privatdetektivin Kinsey Millhone erblickte ebenfalls zwischen den gelben Pappdeckeln mit dem roten K und der Eule das Licht der deutschen Buchläden. Mittlerweile ist Grafton (über Fischer) zu Goldmann gewechselt, die sich (beide) nicht zurückhalten konnten, das wiedererkennbare Muster der Titel (auch in der Neuauflage der alten Ullstein-Übersetzungen) zu zerstören. Aber so freundlich ist man in deutschen Verlagen mit der Titelgebung halt.
"B wie Bruch" ist - wie leicht zu vermuten - der zweite Roman aus Sue Graftons Reihe um Kinsey Millhone, zweiunddreißig, alleinstehend, Ex-Polizistin, selbständige Private Eye. Eine tatkräftige, intelligente Frau, die mit beiden Beinen fest auf der Erde steht. Der toughe, doch sensible, einsame Wolf, der seit Chandler den Detektiv-Roman beherrscht. Eine starke Frauenfigur, die sich glänzend in die Tradition einfügt und sie um einen modernen Ton bereichert.
Wie es sich für einen anständigen Hard Boiled Krimi gehört, ereilt Kinsey das Schicksal in ihrem Büro im kalifornischen Santa Theresa. Beverly Danziger rauscht eines schönen Morgens herein und beauftragt sie damit, ihre verschollene Schwester Elaine Boldt zu finden, um eine Unterschrift zu bekommen, die Mrs. Danziger ihren Anteil an einer Erbschaft sichert.
Kinsey hält den Fall zunächst für Routine und hofft, ihn in zwei oder drei Tagen abschließen zu können. Elaine befindet sich nicht in ihrer Eigentumswohnung. Was allerdings nichts ungewöhnliches ist, wie ihr Tillie, die unter Elaine Boldt wohnt und sich während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte in ihrer Zweitwohnung in Boca Raton, Florida, um die Wohnung kümmert.
In Florida ist Elaine Boldt jedoch auch nicht. Kinsey möchte eine offizielle Vermißtenanzeige bei der Polizei aufgeben, wogegen sich Beverly Danziger strikt wehrt und ihr den Fall entzieht. Neugierig geworden auf den Verbleib ihrer Nachbarin und vierten Bridgepartnerin ist hingegen die alte Mrs. Ochsner, die Kinsey nun engagiert.
In Elaine Boldts Apartment in Boca Raton wohnt jetzt eine Pat Usher, die behauptet, Elaine befände sich in Sarasota und habe ihr die Wohnung ein halbes Jahr zur Untermiete überlassen. Kinsey glaubt ihr nicht. Es scheint, als sei Elaine Boldt zwar in das Flugzeug nach Florida gestiegen, dort allerdings nie angekommen. Wer war die Einbrecherin, die kurz nach Kinseys erstem Besuch Tillies Wohnung durchwühlte? Und gibt es eine Parallele mit Marty, einer Nachbarin Elaine Boldts, die kurz vor deren Abreise/ Verschwinden von einem Einbrecher erschlagen und dann samt ihrem Haus verbrannt wurde?
Die Kriminalgeschichte ist geschickt aufgebaut und wird von Sue Grafton spannend und flüssig erzählt. Ihr Stil ist frisch, in einem lakonischen, teilweise sarkastischen Ton, der sich selbst gegen das große Vorbild eines Raymond Chandler nicht verstecken muß. Ihre Vergleiche zeugen von einer außerordentlich scharfen Beobachtungsgabe und einem feinen Sinn für Ironie. Man sollte das Buch wirklich bewußt lesen, es bereitet sehr viel Spaß.
Die Charaktere und Schauplätze werden mit knappen, treffenden Worten beschrieben, die Nebenfiguren zeigen einen Hang zum (manchmal skurrilen) Detail, jedoch bleiben einige der so begonnenen Fäden am Ende lose und unverknüpft. Die Handlung wird linear und mit Tempo erzählt. Alles in allem ein überdurchschnittlicher Kriminalroman, wenn nicht die Auflösung etwas enttäuschend wäre. Da beschlich mich das Gefühl, Sue Grafton habe nicht so recht gewußt, wie das Geheimnis nun lösen, ohne die Glaubwürdigkeit zu stark zu strapazieren. Leider ist die gewählte Variante für mich nicht so ganz logisch hieb- und stichfest - und aus diesem Grunde auch nicht hundertprozentig ehrlich. Da lobe ich mir Ed McBain. Aber allein wegen schwacher zwanzig letzter Seiten jetzt endlos herumkritisieren? Ich bin neugierig auf weitere Kinsey Millhone Romane und könnte durchaus ganz schnell zu ihrem Fan werden.

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B is for Burglar. ©: 1985 by Sue Grafton. Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin 1987 (Ullstein Krimi Nr. 10451). Übersetzung von Birgit Herrmann. 223 Seiten, DM 9.80

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