"Perry Mason und der zornige Zeuge" (The Case of the Irate Witness, 1953)
Ullstein versucht auf dem Backcover dem ahnungslosen Leser weiszumachen, er kaufe mit dem schmalen Band etwas ganz besonderes. Die titelgebende Erzählung ist keinesfalls "die einzige Perry-Mason-Kurzgeschichte, die Gardner jemals schrieb". Wenn PM in Stories auftaucht, dann ist der Aufhänger für Mason meist noch ausgefallener als in den Romanen, manchmal sogar hanebüchen. Diesmal wird Mason, nachdem er von dem Verbrechen hörte zu schnell fahrend, im Angelurlaub von der Polizei im Auto angehalten. Die Zeitungen melden daraufhin seine Verpflichtung. So kann er es natürlich nicht ablehnen, den Beschuldigten zu verteidigen. Worum geht es aber überhaupt? Der Tresor der Jebson-Commercial-Company wurde aufgebrochen, der Lohn der Arbeiter entwendet und ein gerade wegen einer Vorstrafe Entlassener verdächtigt, auch weil bei seiner Frau eine der gestohlenen Banknoten auftauchte.
Wie immer scheint der Fall aussichtslos zu sein, Mason beginnt trotzdem zuversichtlich, der Staatsanwalt bemüht sich ob des großen Namens seines "Gegners" um besondere Eleganz, nur um nach einigen Kunststücken Masons im Gerichtssaal und genialen Einfällen von des Anwaltes Seite die Segel zu streichen. Wie eigentlich jedesmal bei PM lesbar, spannend, aber nicht umwerfend.
"Fischen wie die Chinesen" (Something Like a Pelican, 1942)
Da war der zweite Beitrag der Collection schon aus anderem Holz geschnitzt, sicherlich der Höhepunkt des Bandes. Eine schöne Frau wirft einen teuren Pelz aus dem Fenster des Modegeschäfts und bezahlt das gute Stück in bar, derweil im Gebäude gegenüber im Büro einer Konstruktionsfirma Blaupausen des Prototyps eines U-Boot-Ortungsgerätes (die Erzählung erschien schließlich 1942!) gestohlen werden.
Ein Paradefall für den Gentleman-Gauner-Detektiv Lester Leith, der würdig in der Tradition eines Auguste Dupin steht. Die Geschichte vereint viele Vorzüge der Stories von Gardner, die Figur des Dandydetektivs ist interessant, die Handlung fintenreich und spannend, mit ein paar guten Ideen und etwas ironischem Humor.
"Der Juwelenschmetterling" (The Jeweled Butterfly, 1952)
Die letzte und mit 70 Seiten fast genau die Hälfte einnehmende Story steht irgendwo zwischen der ersten und zweiten, gleichwohl sie weniger überzeugend als diese ist. Ungewöhnliche Heldin ist diesmal die aufgeweckte Sekretärin und Klatschkolumnistin des Hausblattes einer Versicherung, Peggy Castle, die - von einem anonymen Brief angestachelt - das Verhältnis zwischen dem begehrtesten Junggesellen der Firma und "Miss Donnerbusen" aufdecken will. Dazu besucht sie einen Nachtklub, in dem sich die beiden treffen sollen, doch nur der Mann taucht auf. Klar also, daß besagte Miss tot ist und der wackere Junggeselle des Mordes verdächtigt wird.
Die Gestaltung von Peggy als sympathische Heldin ist ein Glücksgriff, auch ihr Familienumfeld mit einem ausgezeichneten, nun leider an Arthritis leidenden Gauner als Onkel, der Holmes'sche deduktive Fähigkeiten besitzt, ist ausgefallen. Die Handlung selbst bietet leider nichts neues, immer einen Schritt vor der Polizei verliebt sich die Hobbydetektivin in den Junggesellen, dem wird dann ein Giftfläschchen untergeschoben, es kommt noch eine fremde Frau ins Spiel... Nun ja, direkt schlecht war's nicht, aber auch nicht besonders aufregend, ein routiniertes Krimiratespiel.