KAIROS: "KAIROS"

(Heyne 0605399)


, gelesen von Andreas Hirn



Dieser Roman hätte fast ein Pendant zu legendären Alben der Musikgeschichte sein können, die nie erschienen sind - wie "Celebration of the Lizard" der Doors, oder Jimi Hendrix' "First Rays of the New Rising Sun". Jedenfalls für einen Fan von DDR-Science Fiction. Nach Fuhrmanns frühem Tod 1991 habe ich immer wieder von dem Manuskript gehört und auch einige Briefe gewechselt mit Leuten, die "Kairos" gelesen hatten und es ziemlich schlecht fanden. Auf die Frage, ob man das Manuskript auf irgendeinem Wege in die Finger bekommen könne, erhielt ich jedoch nur abschlägige Antworten. Und dann gab es 1996 ja noch den Heyne Verlag, der das Buch denn doch herausbrachte.
Kairos ist eine Kolonie der Erde, zu welcher der Funkkontakt vor über sechzig Jahren abriß. Der isolierte Planet ist das Ziel von vier Kosmonauten, zwei Frauen, Katrin und Margerit, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, dem sarkastischen Frauenfeind Medley und dem Ökologen Herman Jennis, der als Spion der Erde auf Kairos geschickt wird.
Der Empfang ist weder freundlich noch das Gegenteil, nur seltsam. Die vier Kosmonauten werden in Quarantäne genommen, die so schlampig ist, daß sie nur Show sein kann. Ihnen werden sogenannte Betreuer zur Seite gestellt. Während die beiden Frauen von ihren männlichen Kairosianern mit äußerster Zurückhaltung behandelt werden, haben die weiblichen Begleiterinnen von Jennis und Medley nichts eiligeres zu tun, als mit ihnen ins Bett zu gehen.
Überhaupt ist das Leben auf der sozialistischen Welt äußerst gewöhnungsbedürftig. Sechs der sieben Fernsehprogramme sind Pornokanäle, selbst Fruchtsaft sind Aphrodisiaka beigemischt, die Beziehungen zwischen Männern und Frauen haben sich auf das rein Geschlechtliche reduziert. Jeder kann in verschiedenen Berufen zum Wohl der Allgemeinheit arbeiten, dennoch sind die Dienstleistungsanbieter hoffnungslos überfordert, alles verfällt zusehends. Die Kosmonauten werden auf Schritt und Tritt überwacht. Die angebliche Offenheit wird vom "Inneren Kreis", einer Art Regierungsgremium, nach eigenem Gutdünken gehandhabt. Sie wollen die Kosmonauten von anderen Kairosianern isolieren.
Die Geschichte ist in kriminalistischer Manier aufgebaut: der Spion, der in unbekanntes Terrain geschickt wird, ein großes Geheimnis, welches über allem schwebt. Fuhrmann beherrscht sein Handwerk vorzüglich, wovon man sich in seinen früheren Romanen überzeugen konnte, so daß sich "Kairos" zunächst schnell und spannend liest. Die Ausgangsposition ist reizvoll. Leider entwickelt sich - trotz einiger guter Zutaten - die Handlung nicht so recht weiter.
Die drei Kosmonauten (Katrin hat sich mit den Kairosianern verbündet.) finden bald den Grund für den moralischen und sonstigen Verfall. Alle Million Jahre tritt eine gigantische kosmische Katastrophe ein, die fast alle Arten der einheimischen Fauna aussterben läßt. Und dieses Ereignis fand vor Jahren mit der Erhöhung der Strahlungsintensität der Kairos-Sonne statt. Ergebnis ist ein drastischer Rückgang der Geburtenrate. Und das bedeutet das Ende der Kairosianischen Zivilisation in wenigen Jahrzehnten.
Das ist erstens schon auf dem Backcover zu lesen und zweitens ohnehin schnell ersichtlich. Ansonsten ist "Kairos" für Fuhrmann ein eminent oberflächliches Buch. Nicht nur, daß die Hauptfiguren (vielleicht einmal abgesehen von Jennis, der ein klein wenig mehr Kontur besitzt) nur Schemen sind im Vergleich zu früheren Büchern Fuhrmanns. Geradezu enttäuschend, wenn man an "Medusa", "Die Untersuchung" oder den "Planet der Sirenen" denkt. Gut, in durchschnittlicher SF hat man auch keine bessere Charakterisierung der Protagonisten.
Da Fuhrmann aus der DDR stammt und auch sein Manuskript schon seit vielen vielen Jahren in Arbeit war, muß sich "Kairos" natürlich auch als Kritik am hiesigen System lesen lassen - was es recht offensichtlich ist. ("Hellsichtig", wie Heyne es tut, würde ich es nun nicht unbedingt nennen.) Nun gibt es die Bücher, in denen der Schriftsteller das Ende der DDR "voraussagte" (siehe Wilko Müller jr.s "Operation Asfaras" oder auch diesen Fuhrmann-Roman) oder die unveröffentlichten, bei dem sich der Autor (wie z. B. Frühauf oder Szameit) immer befleißigt fühlt zu sagen: "Hätte ich das Buch verkauft, hätte jeder gesagt, nun hat der schnell seinen Wenderoman geschrieben." Die Parallelen in "Kairos" sind kaum verfremdet angedeutet, die verknöcherte uralte Führungsriege, die meint, alles besser zu wissen, keine Diskussion nötig zu haben und es sich selbst gut gehen läßt. Das Volkseigentum, das abgewirtschaftet ist. Die langen Wartezeiten für alle möglichen Arten von Dienstleistungen. Die Beziehungen, die nötig sind, damit alles reibungsloser und schneller geht. Die Überwachung und Verfolgung von Kritikern am System usw. Das ist mittlerweile oft genug durchgekaut und breitgetreten worden, viel mehr "hellsichtige Analyse" (Backcover) bietet Fuhrmann leider nicht, so daß sein letzter Roman nicht unbedingt in bester Erinnerung bleiben wird.

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Kairos, © 1996 by Wilhelm Heyne Verlag, München. Mit freundlicher Genehmigung der Witwe des Autors. 334 Seiten, DM 12.90



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