GUSTAVE FLAUBERT "SALAMMBO"
(Heyne 06/5500)
, ein Artikel von Andreas Hirn
"schweinisch, keusch, mystisch und realistisch zugleich"
G. Flaubert 1860 in einem Brief an Ernest Feydeau darüber, wie der Roman werden solle
Warum Flauberts berühmter Roman jetzt noch einmal bei Heyne, in einer Neuübersetzung, in der Fantasyreihe herauskommen mußte, bleibt wohl ewig ein Rätsel. Über die Verwendung von Collagen als Titelbilder kann man sich streiten (das Ergebnis von Jan Heineckes Bemühungen ist diesmal jedoch ganz akzeptabel), im Hardcover und in der typographischen Gestaltung ist der Heyne-Band jedenfalls eine schöne Ausgabe. Nicht streiten kann man sich über die offenkundige Unfähigkeit der Klappentextschreiber. Das fängt damit an, daß "Salammbo" kein Epos über den Untergang Karthagos ist und hört damit auf, daß es mit Sicherheit nicht der "berühmteste Fantasy-Roman aller Zeiten" ist, weil es mit Fantasy nichts zu tun hat (Ja, es hat Einfluß auf Phantastik schreibende Autoren ausgeübt.), sondern ein historischer Roman ist.
Gustave Flaubert, 1821 als Sohn eines Chirurgen in Rouen geboren, verfiel wohl spätesten 1850 während seiner zweijährigen Orientreise mit Maxime Ducamp dem exotischen Stoff, studierte historische Quellen und reiste 1858 nach Ägypten und Tunesien, wo er die Überreste des antiken Karthago besuchte.
Denn dort, nach Beendigung des 1. Punischen Krieges, spielt der Roman. Karthago wird von Söldnern angegriffen und belagert, die sich nach der Weigerung der Punier, ihnen ihren Sold auszuzahlen, erhoben hatten. Salammbo ist die Tochter des Feldherren Hamilkar Barkas, Priesterin der Mondgöttin Tanit und eine zentrale Figur des Epos. Der libysche Söldner und Anführer des Aufstandes Matho stahl den glückbringenden Schleier der Tanit aus ihrem Tempel und ist verliebt in Salammbo. Diese wird von ihrem Hohepriester Schahabarim dazu überredet, den Schleier aus dem Lager der Söldner zurückzuholen. Das gelingt ihr auch, wonach ihr Vater sie mit dem numidischen Fürsten Narr'Havas verlobt, der mit seinen Truppen Hamilkar und der bedrohten Stadt beistehen will.
Gustave Flaubert begann zu schreiben mit historischen Dramen, autobiographisch geprägter Prosa oder romantisch beeinflußten Erzählungen, bevor er 1857 mit "Madame Bovary" sein bedeutendstes Werk veröffentlichen konnte, ein Zeitroman, der nicht zuletzt romantische Linien in seinem Werk ausradierte.
Mit dem sich stärker entwickelnden Industriekapitalismus und der zunehmenden "Verflachung der Sitten", wie sie Balzac beklagte, entstand ein kritischer Realismus, der ein möglichst detailliertes, weitreichendes Bild der Zeit zeigen sollte, die Energie des Individuums in der gesellschaftlichen Ordnung wie Balzacs "Menschliche Komödie" oder "Rot und Schwarz" von Stendhal. Gleichzeitig entstand in der realistischen Literatur auch eine andere Strömung, die die Handlung in ein exotisch anmutendes Milieu verlegte, wo naturverbundene, bodenständige Charaktere wirkten, so wie in einigen Novellen Prosper Merimee;es.
Oder auch in "Salammbo", obwohl Flaubert stärker als viele seiner Zeitgenossen Wert auf Objektivität legte, auf eine geistigere Grundlage, von dem im Roman die symbolhafte Verwendung der Farben zeugt, die signifikante Eigenschaften des Menschen darstellen sollen. Im gleichen Sinne zu verstehen ist die akribische Arbeit mit der Sprache. Flaubert soll oft tagelang über einzelnen Formulierungen gebrütet haben, weil allein der Stil alles wichtige enthüllen sollte.
Nachdem "Madame Bovary" sowohl von Publikum als auch Kritik positiv angenommen wurde, war "Salammbo" Flauberts letzter Erfolg bei den Lesern, gleichwohl die damalige Kritik den Roman eher zurückhaltend aufnahm. "Salammbo" ist ein riesiges Gemälde, ja ein ganzer Bilderbogen voll prächtiger Farben und Details, in einer wundervollen und ausladenden Sprache beschrieben. Die Schauplätze und fremden Riten werden in faszinierenden Szenen geschildert, Flaubert bedient sich dabei einer stark auktorialen Erzählweise, in der wie Gott erzählt, dementsprechend gering sind die historischen Bezüge, sind die Charaktere wenig tief, selbst grausame, blutige Schlachten werden bis in Einzelheiten beschrieben, Kriegsglück wie -pech wechseln ebenso oft wie unberechenbar.
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