PHILIP K. DICK "ERINNERUNGEN EN GROS"

(Haffmans, Frühling 1991)


,gelesen von Andreas Hirn



PKD war ohne Zweifel einer der größten Science Fiction Schriftsteller aller Zeiten. Nicht nur mit der schier unübersehbaren Anzahl seiner Kurzgeschichten und Romane ragt er aus dem Mittelmaß heraus. Auch im Inhalt zeigt sich Dick als hellsichtiger Kopf: seine paranoiden Phantasien faszinieren und verunsichern heute wie zu ihrer Entstehungszeit. Die Protagonisten seiner Werke sind langweilige Durchschnittstypen, die sich in ihrer kleinkarierten Idylle inmitten eines mächtigen, alles überwachenden Staats(bzw. Polizei-)Apparates prächtig zurechtfinden und plötzlich ihr festgefügtes Weltbild verlieren. Keinem ist mehr zu trauen, die unsichtbaren Fäden werden von höheren Mächten gezogen, die subjektive Realität enthält Falltüren, die in immer neue unentdeckte Gefilde führen.
Bereits vor mehr als fünf Jahren stellte es sich der schweizerische Haffmans-Verlag zur Aufgabe, eine deutsche Philip K. Dick Ausgabe herauszugeben, die sämtliche Erzählungen und einige SF-Romane (zum Großteil in Neuübersetzungen), auch einen der in den USA erst nach Dicks Tod erschienenen Mainstream-Titel ("The Broken Bubble of Thisbe Holt") umfassen soll, darüber hinaus einen Dick-Companion und eine Biographie.
Einiges davon ist schon erschienen, anderes harrt noch der Ausgabe. Zu begrüßen ist dieses Mammutunterfangen auf jeden Fall.
1991 begann Haffmans mit diesem dünnen Taschenbuch, das damals zum recht stattlichen Preis von 12,-DM vertrieben wurde und welches Stories aus den unterschiedlichen Arbeitsphasen Dicks enthält. Insgesamt ein wirklich gelungener Appetizer, der als verkaufsfördernden Anreiz die Story enthält, auf der der Arnold Schwarzenegger-Film "Total Recall" basiert.
Bevor ich mich hier allerdings noch weiter verplausche zu den Geschichten im einzelnen.

"Orpheus mit Pferdefuß" (Orpheus with Clay Feet, übersetzt von Thomas Mohr)
PKD veröffentlichte diese Story 1964 unter dem Pseudonym Jack Dowland. Philip K. Dick spielt in ihr ebenso eine Rolle wie der vermeintliche Autor Jack Dowland. Denn dieser hat in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eine grandiose Future History geschrieben. In der Zukunft ist hingegen weniges so geworden, wie von dem Schriftsteller ausgedacht. Die beste Abwechslung bietet eine Reise in die Vergangenheit, bei der man als Muse einen Künstler zu seinem Meisterwerk inspirieren darf. Der Wehrdienstverweigererberater Jesse Slade möchte dies gerade bei Jack Dowland tun, sein Auftritt geht aber so gründlich daneben, daß Dowland nie SF schreibt - von einer Ausnahme einmal abgesehen, einer mittelmäßigen Novelle, die er unter dem Pseudonym Philip K. Dick publiziert und in der es um einen Reisenden aus der Zukunft geht, der Künstler zu ihrem Meisterwerk inspirieren will, denjenigen jedoch nur völlig desinspiriert, so daß er sein Können mal bei anderen unter Beweis stellen soll: Hitler, Stalin, Marx...
Von den selbstironischen Tönen einmal abgesehen, ist die Erzählung sehr typisch für Dick. Der völlig unkreative, leidenschaftslose, aber interessierte Slade tut sein bestes, nur - er kann es halt nicht besser. Der interessanteste Teil von "Orpheus mit Pferdefuß" ist der, wie sich die zukünftige Wirklichkeit in der Dick-Geschichte, unsere Realität, in der wir uns als Leser befinden und die Story von Jack Dowland gegenseitig beeinflussen, sich treiben und Aktionen heraufbeschwören; es gibt da Wendung um Wendung um Wendung.
Abgesehen davon krankt die Handlung natürlich (und leider) an den üblichen Schwächen der Zeitreise-SF, denn wie können Menschen in der Zukunft den Fehltritt des Jesse Slade bemerken, da sie sich doch auf dem homogenen Zeitstrang, den er ja bereits verändert hat, befinden müßten (aber da würde die ganze köstliche Idee ja nicht mehr funktionieren).

"Augen auf!" (The Eyes Have It, übersetzt von Denis Scheck)
ist eine sehr kurze und knackige Geschichte mit einer herrlich paranoiden und verrückten Idee, die vorhandene stilistische Schwächen Dicks offenbart, sich jedoch gerade gegen die Unsitte im Ausdruck (nicht nur) von Trivialschreibern richtet. Zumindest nimmt PKD die Idee daher. Ein ehrbarer (er hat ein Haus, Familie, Kinder) Mann erfährt aus einem Buch die ganze Wahrheit über die Unterwanderung der Menschheit durch Außerirdische, die sich ihrer Körperteile nach Belieben entledigen können, die ihre Augen durch Zimmer gleiten lassen, anderen die Hand geben, ihr Herz schenken, oder den Arm um die Schultern legen.

"Entdecker sind wir" (Explorers We, übersetzt von Frank N. Stein)
In "Entdecker sind wir" wendet sich PKD einem Standardthema der Science Fiction zu, der Heimkehr von Raumfahrern nach einem interplanetarischen Flug. Der Leser folgt zu Beginn den Rückkehrern, die unverständlicherweise auf Ablehnung stoßen, sie die erwarteten Helden nur Schreckgespenster, der FEIND?
Das ist wenig aufregend, gleichwohl im rechten klassischen Stil erzählt, bis dann der Knackpunkt kommt. Das FBI taucht auf und richtet die Raumfahrer einfach hin, da sie feindliche Außerirdische seien. Nachdem der Leser hier völlig überrascht wird, macht Dick einen der FBI-Agenten zum Haupthandlungsträger. Die Marsexpedition ist in Wirklichkeit gescheitert(?), alle Astronauten umgekommen. Dennoch tauchen nun schon zum dreiundzwanzigsten Mal die Toten quicklebendig auf, unterscheiden sich äußerlich nicht von den Menschen, nur alles haben die Aliens noch nicht gelernt, zum Beispiel die Gebräuche der richtigen Kleidung. Wollen sie friedlich Kontakt aufnehmen und verstehen es nur nicht anders anzufangen, oder sind es hinterhältige und gerissene Invasoren, die bloß eine genauere Schablone benötigen, um die Menschheit von innen her mit eigenen "Agenten" zu bekämpfen?
Dick löst das eine Standardthema (Ankunft der Raumfahrer) durch ein anderes (Invasion) auf, tut dies aber auf seine eigene unverwechselbare Weise. Am Ende ist nichts klar, nur eine allgemeine Verunsicherung bleibt. Die glaubhaft geschilderten Heimkehrer werden im Nachhinein mit einer durchaus logischen Gegenargumentation unglaubhaft gemacht, bevor sich der Kreis schließt, die nächsten Astronauten voller Freude auf der Erde ankommen und man erneut an allem zweifelt. In den stärksten Szenen eine beklemmend dichte und zu starkem Nachdenken anregende Erzählung.

"Erinnerungen en gros" (We Can Remember It For You Wholesale, übersetzt von Thomas Mohr)
Ich weiß gar nicht, was die meisten Kritiker gegen "Total Recall", der auf dieser Shortstory basiert, haben, mir hat der Film sehr gut gefallen - trotz Arnold Schwarzenegger.
"Erinnerungen en gros" verkauft die "Endsinn"-AG, Erinnerungen an nie gewesene Ereignisse, besser und detaillierter als die echten. Der kleine Angestellte Doug Quail träumt von einem Ausflug als Geheimagent auf den Mars und kauft sich nach langem Zögern diesen Trip. Doch in der Narkose vor "Reisebeginn" erinnert sich Quail, tatsächlich als Agent auf dem Mars gewesen zu sein. Der Geheimdienst beschließt daraufhin, ihn umzubringen, doch Quail kann fliehen und einen Handel abschließen: Seine Marserinnerungen werden nochmals gelöscht und er bekommt seinen größten Kindheitstraum erfüllt: er hat als einziger mit Menschlichkeit eine Alieninvasion abgewehrt, solange er lebt, werden die Außerirdischen die Erde in Frieden lassen. Doch in der Narkose vor "Reisebeginn" erinnert sich Quail...
Die Story wurde 1966 völlig zu recht für den Nebula Award nominiert, sie gehört zu den kleinen Dick-Meisterwerken, was den Ideenreichtum angeht und ist trotz der aberwitzigen Handlung keine plumpe Actiongeschichte geworden, sondern offenbart eine enorme Tiefe zwischen den Zeilen. Was ist möglich in er Zukunft, in der die Erinnerungen eines Menschen, was ihn doch zu einem großen Teil ausmacht, vollkommen echt manipuliert werden können, ohne daß es derjenige merkt? Da löst sich jede Identität auf, alles sicher geglaubte verschwimmt zu einem diffusen Fleck, wenn man näher herangeht, der Protagonist Quail befindet sich in der unendlichen Schraube: War er tatsächlich Agent und Menschheitsretter oder sind das alles die Illusionen der "Endsinn"-AG, gehört der "Narkosezwischenfall" zum Spiel, kann Quail überhaupt jemandem trauen in seiner persönlichen Umgebung, als er als Interplanspion enttarnt wird, oder befindet er sich womöglich in dem Erinnerungsspiel eines ganz anderen?

"Der Ausgang führt hinein" (The Exit Door Leads In, übersetzt von Harry Rowohlt)
Der Titel löste bei mir Assoziationen zu Konzentrationslagern aus. Irgendwie hat die Geschichte Philip K. Dicks auch damit zu tun, auf der anderen Seite ist sie aber auch viel harmloser. Bob Bibleman haßt von kleinauf Roboter, mit denen er allerdings tagaus tagein zu tun hat. Bei einem Verkaufsautomaten gewinnt er auch den ersten Preis in einem Preisausschreiben - nicht ganz freiwillig. Er wird nach Ägypten in ein ominöses paramilitärisches "College" gerufen, wo er sich mit gleichfalls ausgesuchten mit verschiedenen vorgegebenen Wissensgebieten beschäftigen soll. Er gelangt durch Zufall an ein streng geheimes Dokument, verrät es aber letztlich doch an den ihm vorgesetzten Major. Und fällt damit durch den Test, er hat nicht die Kraft, gegen den Strom zu schwimmen.
Hier hängt, wie so oft bei Dick, nichts wirklich vom Zufall ab. Die Story ist straff durchkonstruiert, da existiert kein unnützer Freiraum. Klar schält sich der Konflikt zwischen dem schwachen Individuum und dem allmächtigen Staatsapparat heraus. Bibleman kann niemandem trauen, gerade die ihm nahestehenden verraten ihn (wie bei Dick so oft; wer so etwas im Extrem lesen will, dem möchte ich seine völlig durchgeknallte, wilde Verfolgungsphantasie "Das Globus Spiel"/The Game Players of Titan wärmstens ans Herz legen).

"Der Tag, an dem Herrn Computer die Tassen aus dem Schrank fielen" (The Day Mr. Computer Fell Out Of Ist Tree, übersetzt von Karl A. Klewer)
Mit dieser Geschichte konnte ich wenig anfangen, PKD schrieb sie im Sommer 1977 für die Psychiatrie-Sozialarbeiterin Joan Simpson, und so liest sie sich auch.
Joe Catsenjammer ist Plattenverkäufer, der Job ödet ihn an, und er beschließt heimlich, sich umzubringen. Das bringt den zentralen Kontrollcomputer (d. i. "Herr Computer") völlig aus dem Gleichgewicht, so daß Herr Kaffeemaschine, Herr Tür oder Herr Kleiderschrank nur Mist machen. Das ganze weitet sich so aus, daß Joan Simpson (eine Art weise Frau oder Held im Gläsernen Berg) aus ihrem "Schlaf" geweckt werden muß, denn sie ist als einzige der "alten" Menschen noch in der Lage, den Störungen des großen Computers zu beseitigen.
Ziemlich grotesk und für mich nicht zu durchschauen.

"Der Fall Rautavaara" (Rautavaara's Case, übersetzt von Michael Bodmer)
Ähnlich erging es mir mit der nächsten Geschichte, die offensichtlich aus Dicks Spätphase nach seinem "göttlichen" Erlebnis stammt, in der er die VALIS-Trilogie schrieb.
Plasmatische Aliens von Proxima Centauri retten die einzige reanimierbare Tote eines Raumschiffunglücks, indem sie ihr Gehirn am Leben erhalten. In dem Dämmerzustand zwischen Leben und Tod erlebt Agneta Rautavaara mit ihren Kameraden eine Begegnung mit Christus. Die keine menschlichen Regeln achtenden Außerirdischen (die die Geschichte erzählen!) verändern die irdische Christusgestalt in eine proxima-centaurische, die einen der gestorbenen Raumfahrer verspeist (nicht wie bei den Menschen, die Christus' Leib aßen und sein Blut tranken).
Dick versucht eine Sektion eines religiösen Mythos, indem er den Mythos einfach umkehrt. Es bleibt offen, ob Christus, der übrigens nur in Bibelzitaten spricht, tatsächlich erscheint, oder ob es sich eher um ein außerirdisches Experiment handelt. Genauso offen bleibt die Bewertung der Geschehnisse (Unverständnis zweier total fremder Rassen einer rational nicht erklärbaren Sache wegen?), sicher ist nur, daß wegen der von Anfang an offenkundigen Blasphemie Agneta Rautavaaras Gehirn abgestellt werden soll.

"Die endgültig allerletzte Geschichte" (The Story to End All Stories, übersetzt von Thomas Bodmer)
ist so kurz (auch im Stil in magerer journalistischer Knappheit gehalten), daß sie in voller Länge auf dem Rückumschlag zu lesen ist. Dazu kann man ganz einfach nichts aufschreiben, die Story muß man selbst lesen.

Die Collection habe ich gekauft, bekam auf dem Weg nach Hause Lust, einmal hineinzuschauen und habe sie an dem gleichen Nachmittag ausgelesen. Philip K. Dick ist und bleibt einer meiner Lieblingsschriftsteller, viele seiner Ideen und Vorstellungen sind schlicht genial. Und ich habe gemerkt, daß ich schon wieder viel zu lange nichts von PKD gelesen hatte.

Halle, im Juni 1996


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