STORM CONSTANTINE "DER ZAUBER VON FLEISCH UND GEIST"

1. Roman der Wraeththu-Trilogie

(Heyne-TB 06/5456)


,gelesen von Andreas Hirn



"Der Zauber von Fleisch und Geist" ist der vielversprechende Beginn einer ungewöhnlichen Fantasy-Trilogie. Storm Constantine beschreibt den Aufstieg der neuen Rasse der Wraeththu aus dem alten Menschengeschlecht.
Die Wraeththu werden die Menschheit, die sich offenbar am Ende ihrer Zivilisation befindet, ablösen. Sie haben hehre Ideale, der vollkommene Har (so nennen die Wraeththu sich selbst) muß eine lange geistige Ausbildung und dabei mehrere "Kasten" durchlaufen, bis er alle seine vorherigen menschlichen Schwächen abgelegt hat. Doch es gibt auch andere, weniger "progressive" Stämme, die nach wie vor in einer menschlichen Tradition leben. Hört sich nicht furchtbar interessant an, was jedoch bei näherem Hinsehen nicht stimmt.
Daräber hinaus passiert eigentlich recht wenig in diesem ersten Teil. Die Wandlung Pellaz' vom Menschen in einen Wraeththu, seine Reise zur Hauptstadt Immanion, seine geistige und körperliche Ausbildung, die erste Liebe mit Cal, demjenigen Har, der ihn von den Menschen "entführte", einige unterschiedliche Kulturen, letztendlich sein Aufstieg zum Tigron, dem Herrscher, von Immanion. Das ist, denke ich, aber nur Nebensache. Storm Constantines Hauptaugenmerk liegt auf der differenzierten Gestaltung der Rasse der Wraeththu, was den Roman auch über den Durchschnitt hebt.
Sie schreibt gekonnt, in einer farbigen Sprache, die die unwirkliche und geheimnisvolle Atmosphäre gut unterstützt, jedoch manchmal in kräftigen Kitsch ausartet. Der Charakter von Pellaz ist fein gezeichnet in all seinen kleinen Widersprüchen, während die meisten seiner Mit- oder Gegenspieler leider nur "Typen" sind, ein Mangel, der nicht weiter stört (und den Storm Constantine in späteren Büchern beheben wird!). Denn es ist ungeheuer interessant, was sich Storm Constantine da ausgedacht hat. Durch Mutation enstand eine neue Qualität von Mensch, der Aghame, der erste Wraeththu. Ein nahezu unsterbliches Wesen, ein androgyn perfekt schöner Zwitter, der ül;ber allerlei magische und okkulte (das ist bis jetzt nur angedeutet) Kräfte verfügt, der eine ganze Rasse von seinesgleichen schafft. Einige ihm ähnliche Mutationen und, in der Mehrzahl, "ehemalige" Menschen, junge Männer, die sich nach einer Art Initiation körperlich in Wraeththu verwandeln.
Mir gefällt die ruhige, gefühlvolle, ja feminine Schilderung der zukünftigen Fantasywelt, die sehr glaubwürdig und dicht gerät. Auffallend sind eine starke homoerotische Komponente bei den Wraeththu und eine Art Verwandtschaft dieser mit Vampiren. Zwar werden Menschen nach einem Biß eines Wraeththu nicht zu einem (Eine geschlechtliche Vereinigung gar bringt für den menschlichen Teil den sicheren Tod, da die Sekrete der Wraeththu für den Menschen stark ätzend sind.), jedoch muß ihr Blut vor der Metamorphose mit dem eines Wraeththu vermischt werden.
Der Name der neuen Rasse wird im Buch an einer Stelle mit "Wachsen" gleichgesetzt, der Ursprung des Wortes "Wraeththu" oder vielmehr wræththo kommt aus dem altenglischen und bedeutet in etwa soviel wie gewalttätiger %Auml;rger bzw. Zorn ("wrath").
Wer einmal ungewöhnliche, atmosphärisch dichte Fantasy weiblicher Prägung (nur in zwei Szenen kann es sich Mrs. Constantine nicht verkneifen, starkes feministisches Geschütz aufzufahren) lesen und sich dabei gut unterhalten will, dem sei die Trilogie (bzw. bis jetzt der erste Teil) empfohlen.

Anmerkung: Peinlich falsch ist der Klappentext. Selbst der Name des Protagonisten wurde sträflich verwechselt. PELLAZ findet bei den Wraeththu keine ZUFLUCHT. Und es existiert auch KEINE alte Prophezeiung, die ihn als künftigen Herrscher ankündigt. Mumpitz!

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The Enchantments of Flesh and Spirit. © Storm Constantine 1987 (Erstveröffentlichung bei Macdonald, London), übersetzt von Biggi Winter 1996. Heyne Verlag München, 429 Seiten, DM 14.90


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Im Bann von Liebe und Haß (Rezi zum 2. Teil "Wraeththu")
Die Erfüllung von Schicksal und Begehren (Rezi zum 3. Teil "Wraeththu")


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