Der Tod in Wien

JONATHAN CARROLL: "FROM THE TEETH OF ANGELS"

(Harper Collins 1994)


, gelesen von Andreas Hirn



"Richtige Kunst zeigt einem in großem, augenöffnendem Detail, daß die Welt weder ein guter noch ein schlechter Platz ist." (S. 85) Aber manchmal ein bitterer und trauriger.
Der abschließende Roman der durch Personen und Hintergrund locker verbundenen Serie Carrolls ist ein wirklicher Abschluß. "From the Teeth of Angels" ist Carrolls bislang anspruchsvollster und ernsthaftester Roman. Es geht um den Tod, um Krankheit, Liebe, Freundschaft, Einsamkeit, Kraft. Und dafür geht es standesgemäß für Carroll nach Wien.
Wyatt Leonards Leukämie befindet sich im Endstadium, er hat die Phase der Verzweiflung und danach des "jeden Tag wie den letzten leben" hinter sich gelassen, er versucht, seine letzten Monate in Würde zum Leben zu nutzen - und weiter zu hoffen. Ein Brief von Jesse, dem Bruder seiner Freundin Sophie, bildet den Anstoß für eine Reise nach Europa: Der Bruder hat auf Sardinien den Engländer McGann getroffen, der ihm von seinen Träumen erzählt, in denen er den Tod trifft. Er darf ihm Fragen stellen, sollte er sie nicht verstehen, wacht er am nächsten Morgen mit tiefen Wunden auf. Jesse beginnt, ebenfalls so zu träumen, und seine Frau bittet Sophie und Wyatt zu kommen. Jesse erzählt, daß Wyatt ihn und McGann retten könne. In seinen Träumen trifft auch Wyatt auf den Tod, seine Fragen betreffen kleine Dinge, und er versteht die Antworten. Daß dies nichts ändert, muß er spätestens dann feststellen, als McGann trotzdem stirbt. Dem Tod kann er nicht vertrauen. Es gibt nicht Gott und Teufel - oder Engel -, nur Leben und Tod. Der Tod bestimmt das Leben aller Menschen, er kann bestimmen, wer wann wie stirbt. Es gibt Menschen, die er mag (wie Wyatt oder McGann) und andere, die er haßt, die er lange leiden läßt.
In der parallelen Handlung geht es um die Schauspielerin Arlen Ford, die nach ihrem letzten großen Filmerfolg (Weber Gregstons "Wundervoll") ihren Rücktritt erklärt und endgültig nach Wien zieht, ihr Leben von vorn beginnt. Hier trifft sie eines Tages auf einen aufdringlichen Fotografen. Er schickt ihr einige der Bilder zu, und Arlen ist davon so tief berührt, daß sie alles daransetzt, den Mann wiederzufinden. Er ist Fotojournalist, heißt Leland Zivic und arbeitet zur Zeit in Bosnien-Herzegowina. Zunächst per Telefon und Postkarten entwickelt sich eine tiefe Beziehung, Arlen ist sicher, er ist der "Traumprinz", auf den sie ihr gesamtes Leben gewartet hat.
Bereits der Handlungsaufbau weicht von anderen Romanen Carrolls ab. Der Wyatt-Teil ist eine Ich-Erzählung, wie sonst üblich, zwar ohne Liebesgeschichte, aber wundervollen Szenen und etwas Magie, den Träumen und übernatürlichen Ereignissen. Wyatt Leonard (der vor Jahren als Finky Linky eine beliebte Kindershow gemacht hat) ist aus den bisherigen Büchern Carrolls bekannt und zählt zu meinen Lieblingscharakteren des Zyklus.
Der Arlen-Teil hingegen setzt sich aus einer Vorstellung der Schauspielerin durch ihre Freundin Rose und Briefen bzw. Tonbandaufzeichnungen Arlens zusammen. Er hat mir anfangs nicht so sehr gefallen, weil die Geschichte zu gewöhnlich war. Das änderte sich spätestens mit ihrem Zusammentreffen mit Leland Zivic. Es scheint, als bahne sich eine der leichten, charmanten carrollschen Liebesgeschichten an, bleibt jedoch zunächst eine außergewöhnliche Freundschaft, deren zurückhaltender Zauber sich auf den Leser überträgt. Wie Arlen allerdings an einer Stelle bemerkt: "Wer zuerst sagt: 'Ich liebe dich', hat verloren." Es ist anfangs nur eine kleine Bombe, die Carroll explodieren läßt - Leland gesteht Arlen, daß er nicht mir ihr schlafen will, weil er HIV positiv ist - aber spätestens auf den letzten 50 Seiten, wo beide Handlungsstränge zusammengeführt werden, wird der Roman beklemmend und böse.
Auffallend ist die alleinige Konzentration auf ein Problem, so daß "From the Teeth of Angels" inhaltlich das gewichtigste Werk aus Carrolls Feder darstellt, eine bedeutende Weiterentwicklung des Konzepts aus "Ein Kind am Himmel". Man kann wohl schwerlich begeistert sein von einem Roman, in dem es hauptsächlich ums Sterben geht, vielleicht betroffen, getroffen, verletzt, verunsichert. In dieser Hinsicht hat Interzone durchaus recht mit der Meinung, "From the Teeth of Angels" gehöre zu jenen Büchern, bei denen man sofort zurückblättern will und alles noch einmal lesen / erleben. Weniger, weil es so mitreißend war, als vielmehr deswegen, da derart viele Denkanstöße, Episoden, Figuren im Roman auftauchten, die man beim ersten Lesen gar nicht alle fassen kann.
Neben allen sehr gelungenen Passagen ist der Hintergrund diesmal nicht so beeindruckend geraten wie in anderen Romanen Carrolls, schleichen sich ein paar Klischees ein: Wien als Stadt der Caf‚s und Sachertorten, Österreicher als fanatische Opernfans. Auch Arlens Leben bis zum Pik ihrer Schauspielerlaufbahn ist sattsam bekannt. Das sei Jonathan Carroll jedoch gern verziehen. Die Hauptfiguren Wyatt und Arlen sind sehr plastisch gestaltet, trotz ihrer Kraft und Selbstsicherheit äußerst verletzlich.
Die Handlung besitzt zwar einige Anekdoten und Abschweifungen (z. B. merkt man deutlich Carrolls Interesse an den politischen Vorgängen in Europa, was mit den letzten KPdSU-Generalsekretären vor Gorbatschow beginnt und über Ceausescu beim Krieg im ehemaligen Jugoslawien endet), jedoch nicht verspielt und leicht, sondern wie in "Wenn die Ruhe endet" dem Gesamtkonzept eindeutig untergeordnet. "From the Teeth of Angels" ist nicht Carrolls bestes Buch, bemüht sich immer zu quälen, die Figuren in neue Konflikte zu stürzen, Fragen aufzuwerfen, die nicht entschieden werden können, läßt aber immer der Hoffnung einen Raum. Es lohnt sich auf alle Fälle, einmal hineinzuschauen, sich anregen zu lassen, nachzudenken über das eigene Leben. Auch wenn es vielleicht nicht schlimmeres gibt als einen "Engel auf Erden": "Alles, was man will im Leben, hat Zähne." (S. 88)

Anhang: Im deutschen ist es leider aus der Mode gekommen, mit einer Leseprobe Werbung für andere Bücher zu machen. In England ist das nicht ganz so, selten aber schon. 1995 veröffentlichte Harper Collins die Kurzgeschichtensammlung "The Panic Hand" (Die panische Hand, suhrkamp 1989), für die Jonathan Carroll dieses Jahr den Bram Stoker Award gewann. Als Bonus hat der Verlag die Kurzgeschichte "The Dead Love You" (Die Toten lieben dich) aus besagter Collection mit abgedruckt. Darin geht es um eine Geschäftsfrau in den 30ern mit Herzrhythmusstörungen, die Opfer eines Verkehrsunfalls und von Psychoterror der anderen Fahrerin wird. Ach, habe ich da etwa Opfer geschrieben?
Die Story ist gefällig und lebendig geschrieben, das Erzählen einer Geschichte aus Sicht einer Frau bereitet Carroll keinerlei Schwierigkeiten. Die anfangs klar erscheinende Fabel wird durch einige nicht erklärbare Vorfälle geheimnisvoll und spannend gestaltet, bevor der sanfte Horror nach einigen schönen, für den Leser leider nicht erahnbaren, Wendungen endgültig ins Phantastische umschlägt. Eine gute Pointe, keine umwerfende Geschichte, aber ein sehr geeigneter Appetmacher.

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From the Teeth of Angels. © 1994 by Jonathan Carroll. Harper Collins (London 1995), 283 Seiten, £ 4.99. ISBN 0-00-654812-1
dt. Ausgabe: Wenn Engel Zähne zeigen. Europa-Verlag Wien 1995. Übersetzt von Sabine Hübner. 264 Seiten, DM 39.80


Jonathan Carroll im Internet

The Unofficial Jonathan Carroll Biopage (von Glen Cox, sehr zu empfehlen)
The Jonathan Carroll Homepage (von Howard Shih an der Rutgers)
Eine französische Carroll Seite

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