POPPY Z. BRITE: "VERLORENE SEELEN"
Ein verwegener Vampirroman
, gelesen von Andreas Hirn
Ein verwegener Vampirroman. So so. War nicht Clark Gable ein verwegener Bursche? Nun gut, das Titelbild des Buches sieht schon irgendwie in die Zeit eines jungen Clark Gable passend aus, auch wenn der Mann darauf eher Alain Delon ähnelt. Zu tun mit der Handlung oder der Stimmung des Buches hat es jedoch überhaupt nichts - und verwegen ist der Roman auch nicht. Zumindest wenn man verwegen als Synonym für kühn, draufgängerisch, waghalsig, keck nimmt.
Man kann verwegen jedoch auch als gewagt interpretieren - und das ist Poppy Z. Brites Werk durchaus. Nicht nur weil Sex eine große Rolle darin spielt und die Protagonisten fast alle schwul oder bi sind, oder weil Poppy Z. Brite einen eigenständigen, glaubwürdigen und realistischen Vampirmythos schafft, der nicht dem althergebrachten Bild entspricht. "Verlorene Seelen" war 1992 der erste Roman der jungen Autorin, die damit sofort Kultstatus erreichte, ein Kult, der auch um ihre Person betrieben wird, präsentiert sie sich doch ebenfalls gern mondän und schwarz.
Die Handlung besitzt ihren Ausgangspunkt in New Orleans zur Faschingszeit. Die junge Jessy, von zu Hause ausgerissen, kommt jeden Abend in Christians Bar, um dort Vampiren zu begegnen. An einem Abend wird ihr Traum wahr, die ungestümen Twig und Molochai und ihr schöner Anführer Zillah kommen zu Christian, der ebenfalls ihrer Rasse angehört, jedoch wesentlich älter und gereifter ist. Zillah und Jessy schlafen in dieser Nacht miteinander. Jessy bekommt neun Monate darauf ein Kind, Zillahs Sohn, der sie von innen auffrißt. Sie stirbt, Christian behält das Kind - Nothing hat er es genannt - kurze Zeit, bevor er es weggibt.
Fünfzehn Jahre später. Nothing hat erfahren, daß seine Eltern nicht seine wahren Eltern sind. Da ihn das ganze Leben in der kleinen Stadt grenzenlos anödet, beschließt er abzuhauen. Er will nach Missing Mile, wo Steve und Ghost - die Mitglieder der Band Lost Souls? - leben.
Die äußere Handlung ist nach dem Muster eines Roadmovie aufgebaut. Nach dem Prolog in New Orleans begegnet der Leser zunächst den einzelnen Protagonisten, die sich irgendwann in Missing Mile treffen werden - bevor ihre Reise sie wieder zurück nach New Orleans führen wird.
Da ist der halbwüchsige Nothing, ein Gruftie, auf dem besten Wege zum Alkoholiker und Versager zu werden, der sich bemüht, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden. Er gerät in den Bann von Zillah, Twig und Molochai, die ihn als Anhalter auflesen. Sie wissen nichts von seiner Herkunft. Ihr Leben ist der Luxus, die dekadente Völlerei, immer als Nomaden umherziehend, vom Geld ihrer Opfer lebend, dem Blut hinterhergierend wie einer Droge.
Christian ist da anders, Blut ist auch für ihn Leben, aber nicht das einzig seeligmachende Genußmittel. Die Vampire erscheinen nicht als das personifizierte Böse, sie sind Angehörige einer anderen Rasse, aber genauso menschlich oder unmenschlich wie die Normalsterblichen. Christian ist eher der Typ des kultivierten Gentleman, aber seine Einsamkeit führt ihn zu Zillah und seinen Kumpanen, auch wenn er deren Methoden gelegentlich verabscheuenswert findet.
Steve ist genauso wie Ghost ein Säufer - und ein Musiker. Arbeit ist für ihn nicht erfunden worden - und immer noch quält er sich mit der Trennung von seiner Freundin Ann. Er ist ein geistiger zweieiiger Zwilling von Ghost, einer Art komischem Heiligen mit seherischen Fähigkeiten, der den unausgeglichenen Steve aber ebenso notwendig braucht wie dieser ihn.
Wie Poppy Z. Brite diese Charaktere zusammenbringt ist schon sehr lesenwert. Zum Glück entwickelt sich das Buch nicht so trostlos, wie es kurz nach der Hälfte erscheint, als Nothing quasi als Initiation bei den Vampiren seinen Freund Laine töten muß und die Vampire auf der Suche nach Beute auch in das Haus von Ghost und Steve einbrechen.
Eigentlich sind sie alle Verlierer in der "normalen" Gesellschaft, Ghost und Steve als trink- aber nicht unbedingt arbeitsfreudige Musiker, Nothing als Ausreißer ohne eine Perspektive, zu neu und beängstigend ist sein Vampirdasein, aber auch die im Rausch lebenden Twig, Molochai, Zillah, selbst der alte Christian, der mit seiner Bar seine bürgerliche Existenz aufgegeben hat.
Bestimmend in ihren Leben sind Sex und Musik und Drogen. Daneben haben es Freundschaft und Liebe schwer, aber es gibt sie noch - und sie können stärker sein als oberflächliches Vergnügen.
Poppy Z. Brite schreibt von Menschen. Und das in einem angenehmen, sauberen Stil, der in seinen besten und schönsten Momenten die fiebernde Atmosphäre des Südens wundervoll lebendig einfängt. Ihre Vampire fürchten sich weder vor Knoblauch, Kruzifixen noch Sonnenlicht. Sie können auch ihren Opfern nicht ewiges Leben geben. Nur ihre Sucht nach Blut, und ihr stark verlängertes Leben machen sie zunächst zu Außenseitern, ob sie wirklich zum Bösen werden müssen, ist von ihrer Fähigkeit abängig, mit der Macht, die sie haben, fertig zu werden.
Ein erstaunlich reifer Roman, den ich nicht nur ausgemachten Horrorfans ans Herz legen möchte. Er ist weit mehr als bloße Unterhaltung mit Grusel.
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Lost Souls. © 1992 by Poppy Z. Brite. Deutsche Übersetzung von Inge Holm. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach, November 1992 (Bastei-Lübbe-Taschenbuch Band 13417). 349 Seiten, DM9.80
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