Viktorianische Science Fiction
JAMES P. BLAYLOCK: "HOMUNCULUS"
(Heyne 06/469)
, gelesen von Andreas Hirn
Bei einigen Leuten gilt die Verleihung des Philip K. Dick Awards als Garant für einen unlesbaren Roman. Blaylocks Genremix aus Phantastik, klassischem Grusel, SF (meiner Meinung nach nicht unbedingt Fantasy, als welches Heyne den Roman herausbrachte, ist der Autor Blaylock doch dieser Sparte sonst zugehörig) und Komödie wurde demzufolge schon verrissen, obwohl das Buch zu den gelungenen Versuchen gehört, mit ein paar Anachronismen einmal einen phantastischen Roman zu schreiben, der sich wirklich abhebt von der Masse.
Im viktorianischen London geschehen gar seltsame Dinge. Ein buckliger Arzt erweckt Tote wieder zum Leben. Ein - nach seiner Meinung - wiedergeborener Messias verkündet das Ende der Welt und will durch die Erweckung seiner Mutter das Menetekel vollbringen, das die Menschen von seiner Religion überzeugen soll. Der Trimegistus-Klub muß sich nicht nur gegen den skrupellosen Kelso Drake zur Wehr setzen, der ihre Erfindungen stehlen und zu klingender Münze machen will, sondern auch gegen die Leichenfledderer. Denn alles jagt hinter geheimnisvollen Schachteln her, in denen ein Smaragd versteckt sein soll. Und in einer soll ein gerade acht Zoll großer Außerirdischer sitzen, der "Homunculus", der allerlei Wunderkräfte besitzt und sich - so wird gemutmaßt - in dem durch ein Fast-Perpetuum-Mobile angetriebenen Luftschiff des mittlerweile zum Skelett gewordenen Dr. Birdlip befindet.
Das hört sich ziemlich abgefahren an, ist es auch. Und Blaylock wird dabei noch nicht einmal hanebüchen, er behält die Zügel der gut konstruierten Handlung fest in den Händen. Er beschwört die Atmosphäre des vergangenen, schmutzigen und nebligen London, wo jederzeit ein Boris Karloff durch die Gassen schleichen könnte. Die handelnden Figuren sind allesamt skurrile Typen, egal ob es sich dabei um dunkle Gestalten wie den buckligen Zwerg Ignacio Narbondo oder seinen Gehilfen, den Alchimistenstudenten und an einer schrecklichen, sich allen Versuchen sie loszuwerden widersetzenden Akne leidenden Willis Pule handelt oder um die Guten, wie den einbeinigen Käpt'n Powers (ja, die Widmung an den Tim Powers, den Autor von "Die kalte Braut") oder den versoffenen Ex-Leichendieb Bill Kraken.
Dabei verbinden sich die Traditionen des klassichen Schauerromans mit moderner Science Fiction, denn nicht nur die Toten sind los -auch das Raumschiff des Homunculus. Die Handlung gestaltet sich alsbald genauso spannend wie komisch und gipfelt in ein wirklich köstliches Finale, bei dem alle Jäger und Gejagten, alle geheimnisvollen Schachteln auftauchen und außerdem Birdlips Skelett, das Raum- und das Luftschiff, sowie der Homunculus.
Alles in allem sehr britisch und all denen empfohlen, die sich einen Sinn für Schräges bewahrt haben und auch einmal einer etwas anderen Lektüre nicht abgeneigt sind.
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